WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Unverkrampft in die Staatspleite - von Hans Weitmayr

Bald wird man über die nächsten Baby-Schritte reden müssen

Wien (OTS) -

Diese Meldung wurde korrigiert Neufassung in Meldung OTS0074 vom 22.07

Die Staatspleite Griechenlands ist also eine Option -
seit gestern, als Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker eine solche vor Journalisten zwar verhindern, aber nicht mehr ausschließen wollte, auch eine höchst offizielle. Wer nach einem solchen Satz kollektive Panik an den Märkten erwartet hatte, wurde jedoch enttäuscht. Zwar gab es zunächst ein leichtes Zucken unter den Tradern, im Tagesverlauf beruhigte sich die Situation jedoch wieder, die Renditen griechischer Staatsanleihen mit zehnjährigen Laufzeiten rutschten gar um 83 Basispunkte ab - ein deutlicher Vertrauensbeweis in ... was eigentlich? Die Pleite? In gewisser Weise ja. Denn gestern wurde in der Krisenbekämpfung tatsächlich - und man neigt leider dazu, überrascht zu sein - ein richtiger Schritt gesetzt. Und zwar, indem man einem Default-Szenario, sei es teilweise oder absolut, den Schrecken nahm. Die große Furcht bestand ja darin, dass die EZB griechische Anleihen, die mit einem Default behaftet sind, nicht mehr akzeptiert. Die griechischen Banken wären dann vom Euro-Blutkreislauf abgeschnitten und würden in der Folge kollabieren. Diese Sorge war ebenso real wie berechtigt, vor allem aber eines: Selbst auferlegt.

Die Selbstbeschränkung kommt nämlich nicht von den viel geschmähten Rating-Agenturen, sondern von der EZB selbst. Mit dem Zugeständnis von EZB-Chef Trichet, einen Default de facto zu ignorieren und griechische Pleite-Anleihen zu akzeptieren, wenn sie durch hoch qualitative EFSF-Papiere gedeckt werden, haben sich EZB und Euro-Zone aus einer tödlichen Umklammerung befreit - alle Beteiligten können damit etwas unverkrampfter mit dem Thema Staatsbankrott umgehen.

Eingeschränkt wirkt jedoch, dass man sich mit diesem Schritt einmal mehr nur eine Atempause erkauft hat. Bis Redaktionsschluss lag kein bahnbrechender Lösungsvorschlag vor, der die durch das EZB-Zugeständnis gewonnene Zeit sinnvoll nützen würde. Man darf nicht vergessen, dass die Schuldenlast Griechenlands ja nach wie vor täglich zu- und nicht abnimmt und das Land mit jedem Tag instabiler wird. Zu befürchten ist also, dass man sich in Europa bald wieder treffen wird, um über neue Babyschritte aus der Krise zu beraten. Das Problem dabei: Unverkrampft kann man nur mit einer griechischen Pleite umgehen, nicht aber mit einer spanischen oder gar einer italienischen.

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