TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 11. Juli 2011, von Alois Vahrner: "Von großen Söhnen und Töchtern"

Österreich hat tatsächlich größere Probleme als den Text der Bundeshymne. Trotzdem gehört der Text endlich um die Frauen ergänzt.

Innsbruck (OTS) - Einmal ganz abgesehen vom peinlichen Schauspiel der ÖVP-Männer im Nationalrat, die ihre Parteifreundin Maria Rauch-Kallat mit ebenso uninteressanten wie langatmigen Reden zu Süßstoffen oder Mastschweinen daran hinderten, bei ihrer Abschiedsrede einen Vorstoß zur Änderung des Bundeshymnentextes zu starten: Das Thema, dass in der Bundeshymne nicht nur die großen Söhne besungen werden sollten, sondern auch die großen Töchter, kommt seit Jahrzehnten immer wieder auf den Tisch - zuletzt allerdings immer häufiger und, etwa zuletzt beim 100. Frauentag, deutlich massiver. Der von Austro-Popstar Christina Stürmer für eine Bildungsreform-Kampagne abgewandelte Hymnentext landete sogar vor dem Obersten Gerichtshof - und wurde von den Höchstrichtern erlaubt. Vor sechs Jahren, im September 2005, hatte die damalige Frauenministerin Rauch-Kallat bereits einen Vorstoß für die Änderung der einen Textzeile gemacht. Und hatte vor allem bei FPÖ und BZÖ (mit Begriffen wie "sinnlos" und "schwachsinnig") harte, innerhalb der ÖVP verhaltene Kritik geerntet. Das Motto, das offenbar von manchen Parteigranden auch jetzt wieder ausgegeben werden soll: Das Land habe wichtigere Probleme zu lösen als den Text der Bundeshymne.
Das ist zweifellos richtig. Niemand hindert die Bundesregierung aber daran, ihr noch immer nicht gerade atemberaubendes Reformtempo endlich zu steigern - schon gar nicht daran, eine zeitgemäße Umtextung der Bundeshymne vorzunehmen. Diese hat enorme Symbolkraft, und da sollte mit den Frauen nicht länger die eine Hälfte der Österreicher ausgespart bleiben. Und wie viele der etwa 100 Gesetze, die bei der letzten Parlaments-session durchgepeitscht wurden, tatsächlich wichtiger waren als ein moderner Hymnentext, bleibe dahingestellt.

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