"KURIER"-Kommentar von Martina Salomon: "Was hat der Adel, was die Politik nicht hat?"

Dieser Regierung fehlt's an Autorität, aber die Politikschelte ist oft recht billig.

Wien (OTS) - Warum schaut ein Millionenpublikum so gerne gekrönten Häuptern bei ihrem komplizierten Leben zu? Wenn der schwedische, britische und monegassische Hochadel heiratet, ist das ein sicherer Quotenerfolg für die TV-Stationen weltweit. Selbst Otto Habsburg, der selbst nie die Thronfolge antreten durfte, lockte nach seinem Tod 630.000 ORF-Zuseher an, die Rückschau auf sein Leben halten wollten. Da scheint es nicht nur eine Lust auf Glamour und Märchen, sondern auch eine Sehnsucht nach natürlicher Autorität zu geben, die weder Politik noch Kirche stillen können. In demselben Ausmaß, in dem gekrönte Häupter entzückt betrachtet werden, verteufelt man die anderen, speziell die Politik, gern in Grund und Boden.
Aber das eine ist so absurd wie das andere und zeigt, dass der demokratische Fortschritt zu wenig gewürdigt wird. Speziell die Österreicher neigen ja zu einer Art aufmüpfiger Untertanenmentalität. Trotz einer der höchsten Umverteilungsraten der Welt und einem wohlausgebauten Sozialstaat werden "die da oben" stets verdächtigt, das Geld der kleinen Leute zu verprassen. Wenn das eine Partei dann aber tatsächlich tut, fällt sie deshalb nicht gleich in Ungnade. Heinz-Christian Straches Vorgänger haben das Geld der Kärntner verschleudert und die Landes-Bank nur dank Bundeshilfe nicht ruiniert. Bei Privatisierungen von Staatseigentum ist viel Geld in blaue Freundes-Netzwerke geflossen. Aber weil man mit der Strache-Wahl dem politischen Establishment so schön eins drüberbraten kann, wird darüber hinweggesehen.
Dem sonstigen politischen Spitzenpersonal traut man weder kühne Entscheidungen noch eine gewisse Autorität zu. Steuersystem, Verwaltungsbürokratie, Sozialstaat und Bildungssystem müssten reformiert, Migrationspolitik endlich ernst genommen, die üppige Förderung von (und das Buckeln vor) Verdummungsmedien überdacht, Staatsschulden dringend abgebaut werden.
Aber das alles sagt sich als naseweiser Außenstehender leicht. In einer Regierung, zumal in der vertrackten Großen Koalition, müssen Tausende Kompromisse geschlossen werden. Da reden dann noch Parteifreunde ein kräftiges Wörtchen mit, Sozialpartner, und manchmal auch die Opposition. In dieser Mühle wird auch die tollste Managerin, der gescheiteste
Professor mürbe. Wer glaubt, es besser zu können, soll gefälligst die bequeme Zuschauerloge verlassen und sich selbst auf die Bühne begeben. Dort wird man dann schnell, wie der Ex-Politiker Hannes Androsch, von der politischen Realität eingeholt: Auf der Suche nach überparteilichem Konsens verblich der Text seines Bildungsvolksbegehrens zu einer Ansammlung an Allgemeinplätzen - ganz so wie in der "richtigen" Politik.
Betrachten wir das alles wieder nüchterner: Die Regierung ist schwach, aber keine Deppenansammlung. Strache ist nicht der Held der Entrechteten, und der alte Adel kein Ersatz für fehlende politische Autoritäten.

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