EU-Hauptausschuss diskutiert Zukunft des europäischen Projekts Österreichische MandatarInnen im Gespräch mit EP-Präsident Buzek

Wien (PK) - Mit Fragen betreffend die Zukunft des europäischen Projekts befasste sich der heutige EU-Hauptausschuss, der den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, in seiner Mitte begrüßen durfte. Die anwesenden Nationalratsabgeordneten, MandatarInnen des Europaparlaments und BundesrätInnen kamen nach dem Einleitungsstatement Buzeks (siehe PK-Meldung Nr. 713/2011)
vor allem auf die Griechenlandkrise, die Dynamik der
internationalen Finanzmärkte und die wachsende EU-Skepsis der Bevölkerung zu sprechen - Herausforderungen, denen man sich, wie Buzek ausführte, gemeinschaftlich und strategisch zu stellen
habe. Nationalistische Ressentiments und Rückzug auf das Eigene hielt der EP-Präsident dabei nicht für die richtigen Antworten.

SPÖ: Spekulanten müssen zur Verantwortung gezogen werden

S-Klubobmann Josef Cap zeigte sich überzeugt davon, dass eine
enge Kooperation zwischen dem Europäischen Parlament und den nationalen Volksvertretungen überaus sinnvoll ist. Diese funktioniere allerdings nur, wenn man sich auch auf Augenhöhe begegnen könne - ein Grundsatz, den es auch bei der Frage der Kompetenzverteilung zu beachten gelte. Die nationalen Parlamente wollten schließlich ihre Budgethoheit gewahrt wissen, gab Cap zu bedenken. Was die von Kommissionspräsident Barroso vorgeschlagene Einführung einer europäischen Finanztransaktionssteuer anbelange, stehe man ihr in Österreich durchaus positiv gegenüber. Es gelte schließlich die Spekulanten, die ursächlich zur Entstehung der Finanzkrise beigetragen hätten, entsprechend zur Verantwortung zu ziehen.

Auch Caps Fraktionskollegin Christine Muttonen nahm sich dieses Themas an und sprach vom Bestehen einer Krise zwischen Finanzmärkten und Politik. Die SPÖ stehe dem im EU-Jargon als
"Six Pack" bezeichneten Paket von sechs Gesetzesvorschlägen zur Stärkung des EU-Stabilitäts- und Wachstumspakts positiv gegenüber, stellte die Mandatarin fest, man müsse jedoch darauf achten, dass diese Reform nicht dazu führe, dass eine Minderheit über eine Mehrheit entscheiden könne. Des Weiteren sprach sich
die S-Abgeordnete für die Einrichtung einer Europäischen Rating Agentur und das Initiieren eines Know-how-Transfers in die nordafrikanischen Staaten aus.

Mandatar Stefan Prähauser (S) bedauerte, dass mit Inkrafttreten
des Vertrags von Lissabon wesentliche Institutionen wie die WEU aufgelöst wurden. Obgleich man eine Nachfolgeorganisation in Aussicht gestellt habe, seien noch keine dahingehenden Schritte
zu verzeichnen. Er halte diese Frage aber für wesentlich, da der Dialog über Sicherheitsfragen nicht vernachlässigt werden dürfe.

Sein Fraktionskollege Kai Jan Krainer sah die Europäische Union
und ihre Mitgliedsstaaten vor allem in Hinblick auf die Themen Staatsverschuldung, Beschäftigung und Absicherung des
Sozialstaats gefordert. Was letztere Frage anbelange,
konstatierte der S-Abgeordnete ein grundsätzliches Missverhältnis zwischen der Besteuerung von Arbeit und Kapital, das es dringend
zu beheben gelte. In Hinblick auf die Frage der
Staatsverschuldung würden in vielen Diskussionen Ursache und Wirkung verkehrt: Schließlich sei Verschuldung in den meisten Ländern nicht die Wurzel der Krise, sondern vielmehr ihr Effekt, gab Krainer zu bedenken.

Für SPÖ-Europaabgeordnete Karin Kadenbach stand außer Frage, dass es auf europäischer Ebene Prioritäten zu setzen gelte, um den großen Herausforderungen adäquat begegnen zu können. Hierzu bedürfe es aber auch der entsprechenden finanziellen Mittel. Besonderes Augenmerk gelte es außerdem darauf zu legen, dass die europäischen Institutionen entsprechenden Bezug zu den BürgerInnen, die sie vertreten, behielten.

ÖVP: Regeln betreffend Budgetdisziplin sind zu verschärfen

Für V-Klubobmann Karlheinz Kopf stand fest, dass man derzeit eine Phase der Transformation der europäischen Institutionen
durchlebe, die eine verstärkte Demokratisierung mit sich bringe. Die Aufwertung der nationalen Parlamente durch den Vertrag von Lissabon und die Umsetzung der Möglichkeit der Europäischen Bürgerinitiative hielt der Mandatar dabei für wesentliche Schritte, um das Vertrauen der Bevölkerung in das Friedensprojekt Europa sicherzustellen. Kopf plädierte außerdem für eine kohärente europäische Wirtschaftspolitik und strengere Regelungen betreffend Budgetdisziplin. Die Schwierigkeiten, vor denen man
heute stehe, resultierten schließlich vor allem aus der Schuldenkrise vieler europäischer Staaten. Der Implementierung einer Finanztransaktionssteuer und einer Europäischen Rating Agentur könne auch seine Fraktion einiges abgewinnen: Kritisch wolle man sich allerdings zur geplanten Kürzung des Gemeinsamen Agrarbudgets äußern, die Österreich mit aller Kraft zu verhindern versuche - eine Position, die auch Bundesrat Georg Keuschnigg (V) bekräftigte.

V-Mandatar Wolfgang Schüssel nahm in seiner Wortmeldung auf die Griechenlandkrise Bezug und schlug vor, dem südosteuropäischen Staat nicht nur durch finanzielle Mittel, sondern auch durch Know-how-Transfer zur Seite zu stehen. Schließlich verfügten einige Länder über einen großen Erfahrungsschatz betreffend die Durchführung von Privatisierungen, die auch Griechenland durchzuführen haben werde. Know-how gelte es aber auch in die Staaten Nordafrikas zu exportieren, stellte Schüssel fest, der
für eine diesbezügliche europäische Initiative warb. Was die Erweiterungspolitik anbelangt, zeigte sich der V-Abgeordnete überzeugt, dass die Aufnahme Kroatiens und der Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Serbien wichtige Eckpfeiler
markierten. Europapolitik brauche Optimismus, merkte Schüssel abschließend an: Deshalb habe man auch Beethovens "Ode an die Freude" und nicht seine "Wut über den verlorenen Groschen" zur EU-Hymne erkoren.

Auch ÖVP-Europaabgeordneter Othmar Karas plädierte für die Bejahung des europäischen Projekts. Ihm zufolge brauche es kein Entweder-Oder und kein Ausspielen von Gewinnern und Verlierern, sondern Einigkeit und ein neues Zusammenspiel der Institutionen. Deshalb gelte es, das Wir gegenüber dem Ich zu stärken, stellte Karas fest. Nur so könne man auf die Herausforderungen einer globalisierten Welt reagieren, schloss er.

Freiheitliche plädieren für ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten"

F-Klubobmann Heinz-Christian Strache hielt den Weg, den die Europäische Union als Friedensprojekt eingeschlagen hat, für durchaus anerkennenswert. Allerdings nehme seine Fraktion auch Entwicklungen wahr, die durchaus kritisch zu bewerten seien: So
orte man etwa eine verstärkte Tendenz zu zentralistischem Handeln und einen Mangel an verbindlichen direkt-demokratischen Instrumenten. Die angestrebte Europäische Bürgerinitiative sei schließlich hinsichtlich ihrer Wirkung kaum anders zu bewerten
als ein österreichisches Volksbegehren. Des Weiteren beanstandete Strache, dass sich die Europäische Union zunehmend von ihren ursprünglichen Zielen entferne. Es sei deshalb auch möglich geworden, Steuergelder an marode Staaten wie Griechenland zu transferieren. Dieses Land hätte aber angesichts offenkundiger Budgetfälschungen niemals in die Eurozone aufgenommen werden dürfen, erläuterte der F-Klubobmann, der bei dieser Gelegenheit für ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten" warb. Schließlich sei die "zwanghafte Gleichschaltung" der Staaten der Eurozone für die produktiven Volkswirtschaften problematisch. Es gelte also
dringend einen Systemwechsel vorzunehmen. Eine europäische Wirtschaftsregierung zu implementieren, hielt der F-Klubobmann
dabei für verfehlt, denn dies bedeute einen "Anschlag" auf die Budgethoheit der Mitgliedsstaaten. Positiv äußerte er sich hingegen zur Verankerung einer Finanztransaktionssteuer und der Einrichtung einer Europäischen Rating Agentur.

Auch sein Fraktionskollege Johannes Hübner übte scharfe Kritik an der auf EU-Ebene zu beobachtenden Zentralisierung: Sie sei nicht
im Sinne der BürgerInnen und löse auch nicht, wie stetig postuliert werde, die Probleme, die mit der Finanzkrise einhergingen. Wozu es führe, wenn die Europäische Union einen Politikbereich zentral zu steuern versuche, illustriere
schließlich die erfolglose Geschichte des Agrarsektors. Der "Schwärmerei" über den Vertrag von Lissabon wolle er sich, so Hübner, nicht anschließen. Schließlich hätten die nationalen Parlamente dadurch keine Mitwirkungsrechte im eigentlichen Sinn erhalten: Man könne sich zwar mitteilen, doch nicht mitbestimmen. Was seine Fraktion außerdem "schmerzlich vermisse", seien Regelungen betreffend die Sanktionierung des Missbrauchs öffentlicher Gelder. Es mag folgerichtig sein, dass Buzek vor dem Hintergrund seiner Erfahrung mit dem kommunistischen Regime zum EU-Enthusiasten geworden ist, doch gelte es zu bedenken, dass Österreich angesichts seiner eigenen Entwicklung einen skeptischeren Blick auf die Situation Europas werfe. Dass die kritische Haltung der österreichischen Bevölkerung zur Europäischen Union begründet sei, merkte auch F-Mandatar Walter Rosenkranz an.

Grüne üben Kritik an geplanter Adaptierung des Lissabon-Vertrags

G-Mandatar Alexander Van der Bellen nutzte seine Wortmeldung, um
auf die Sorgen seiner Fraktion betreffend der geplanten
Adaptierung von Art. 136 des Vertrags von Lissabon aufmerksam zu machen. Diese lasse schließlich eine "intergouvernementale Renaissance" befürchten, die in Widerspruch zum eigentlichen
Geist des Vertrags stehe. Die Grüne Fraktion werde einer solchen Änderung nicht ohne Weiteres zustimmen, kündigte Van der Bellen an: Die für die Vertragsänderung erforderliche 2/3-Mehrheit sei
in Österreich deshalb nicht gegeben. Was die politischen Verflechtungen innerhalb der Europäischen Union anbelange, hätten sie mit den wirtschaftlichen nicht Schritt gehalten, konstatierte der G-Mandatar. Auf große Begeisterung seitens seiner Fraktion
sei die Antrittsrede des polnischen Premiers Donald Tusk
gestoßen, ließ Van der Bellen Buzek wissen - ein Befund, den auch die Grüne Europaabgeordnete Ulrike Lunacek im Rahmen ihrer Wortmeldung hervorhob.

Lunacek sprach sich außerdem für häufigere Zusammentreffen von Nationalratsabgeordneten und Mitgliedern des Europaparlaments
aus, denn es brauche diesen Brückenschlag, zeigte sie sich überzeugt. Ein Rückzug auf die nationale Ebene, der etwa in Hinblick auf die Diskussion über die Schengen-Grenzen manifest werde, sei schließlich nicht der richtige Weg. Was das Instrument der Europäischen Bürgerinitiative anbelangt, halte sie es für ein wesentliches: Ihre InitiatorInnen sollen im Europäischen
Parlament außerdem Anhörung finden, informierte Lunacek F-Klubobmann Strache.

Ihr Fraktionskollege Werner Kogler hielt fest, dass es letztlich
um europäische Lösungen gehen müsse. Wie G-Abgeordneter Van der Bellen verwies auch er auf die Bedenken seiner Fraktion in
Hinblick auf die Adaptierung von Art. 136 des Lissabon-Vertrags. Diese lasse befürchten, dass man hinter das Niveau der schon erzielten demokratischen Errungenschaften zurückfalle. Die österreichischen Grünen hätten deshalb einen Brief an die Euro-Gruppe geschickt, den Buzek jedoch nicht als Zeichen einer anti-europäischen Haltung, sondern als Ausdruck einer pro-europäischen Initiative verstehen solle.

BZÖ: Reihung der europäischen Prioritäten gilt es zu hinterfragen

B-Klubobmann Josef Bucher hielt fest, die Lebenswirklichkeit der Menschen sei häufig eine andere, als von den EU-Institutionen wahrgenommen. Die Bevölkerung fühle sich damit zunehmend missverstanden, was wiederum zur Verstärkung der Skepsis
gegenüber der Europäischen Union führe. Das BZÖ stehe zum europäischen Projekt, mache aber auch auf Dinge aufmerksam, die "schief liefen", stellte Bucher fest. Dabei hinterfrage man vor allem die von Seiten der Union vorgenommene Reihung von Prioritäten. Das BZÖ fordere hier vor allem eine stärkere Konzentration auf Kernaufgaben wie die Finanzmarktpolitik, die
auf Ebene der Nationalstaaten kaum reguliert werden können. Der Frage, wie es in Zukunft möglich sein solle, Wohlstandsausgleich und Schuldenkrisen zu bewältigen, gelte es sich dringend anzunehmen. Schließlich könne es nicht darauf hinauslaufen, dass die "reichen Staaten des Nordens", die "ärmeren Länder des Südens" dauerhaft finanzierten, stellte Bucher fest. Was Griechenland anbelange, glaube er nicht, dass es noch aufgefangen werden könne: Man müsse deshalb den Weg in Richtung Rückkehr in die eigenstaatliche Währung frei machen. Außerdem gelte es, ein Insolvenzrecht für Banken zu implementieren, forderte Bucher.

Für B-Mandatar Ewald Stadler stand fest, dass es die EU-
kritischen Stimmen wahrzunehmen gelte statt in "künstliche EU-Euphorie" zu verfallen. Wenn die Union bei den BürgerInnen
ankommen wolle, müsse sie sich schließlich an die großen Herausforderungen und Probleme heranwagen. Da dies nicht der Fall sei und man sogar gegebene Garantien ins Gegenteil verkehre, zweifelten die Menschen zu Recht an der Glaubwürdigkeit der
Union, zeigte sich der Abgeordnete überzeugt.

Buzek: Die Politik muss strategische Lösungen erarbeiten

EP-Präsident Jerzy Buzek hielt fest, es gelte den Fokus auf jene Dinge zu lenken, die es gerade erforderten. Das seien die Rettungsschirme für Griechenland, Portugal und Spanien, aber auch Fragen betreffend der Vorsorge gegen weitere Finanzkrisen. Er
halte eine Reform des Stabilitätspakts für dringend geboten, erklärte Buzek, es gelte schließlich aus der Vergangenheit zu lernen. Eine Automatisierung und Verschärfung der Sanktionen im Falle eines Verstoßes gegen diesbezügliche Auflagen sei
notwendig. Die als "Six Pack" bezeichneten Legislativvorhaben,
mit denen man sich derzeit auf europäischer Ebene befasse, wären dazu angetan, erklärte er.

Was die Griechenlandkrise anbelangt, kämen die Mittel, die man überwiesen habe, durchaus auch der griechischen Bevölkerung
selbst zu Gute: Schließlich könnten ohne die nächste Tranche im Juli keine Gehälter mehr ausbezahlt werden. Griechenland müsse
man aus Solidarität unterstützen, sonst wären letztlich die Spareinlagen der BürgerInnen verloren. Der Weg, den die Griechen
in den kommenden eineinhalb bis zwei Jahren zu beschreiten
hätten, führe durch die "Hölle", doch gebe die Entwicklung Litauens und Lettlands Hoffnung, dass es auch der südosteuropäische Staat schaffen werde.

In Hinblick auf die EU-Skepsis weiter Teile der Bevölkerung gab Buzek zu bedenken, dass man von den BürgerInnen nicht verlangen könne, sich vorzustellen, wie die Union in fünf bis 10 Jahren aussehen wird. Es sei vielmehr die Aufgabe der Politik,
strategisch zu denken und Lösungen zu finden. Die Bedenken der Menschen gelte es dabei ernst zu nehmen, doch müsse man sich dagegen verwehren, sie einfach im Sinne des Populismus zu übernehmen. Eine neue Trennung Europas könne er aus eigener Erfahrung nicht gut heißen, schloss Buzek. (Schluss EU-Hauptausschuss)

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