Kosten vs. Nutzen der Gesundheitsforschung: "Innovationen müssen sich bezahlt machen"

Diskussion mit Gesundheits-StR Wehsely, Hauptverband-Schelling, WKÖ-Gleitsmann, BMWF-Weitgruber, Grünewald/Grüne, AMGEN-Munte, Genetiker Penninger

Wien (OTS/PWK512) - In welchem Verhältnis stehen Gesundheitsforschung, Behandlungsergebnisse, Lebensqualität und Wirtschaftlichkeit zueinander? Österreichs Gesundheitsforschung ist in Teilbereichen ein boomender Wirtschaftszweig. Allein in der biowissenschaftlichen Forschung und Entwicklung erwirtschaften 347 rot-weiß-rote Unternehmen mit mehr als 28.000 Mitarbeitern Umsätze von rund 8,8 Milliarden Euro. Doch mit dem medizinischen Fortschritt gehen auch steigende Kosten einher, die die Gesundheitspolitik vor große Herausforderungen stellt. Eine Veranstaltung Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) in Kooperation mit AMGEN widmete sich am Mittwochabend der Grundsatzdiskussion "Forschungskosten versus Patientennutzen" mit Experten aus Wissenschaft, Medizin und Politik.

Josef Penninger, wissenschaftlichen Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie, sieht den Gesundheitssektor als Jobmotor der Zukunft: "Wir wollen alle älter werden und gesund bleiben. Das gelingt nur mit der besten Gesundheitsversorgung und die wiederum braucht eine innovative Gesundheitsforschung." Penninger sagte, er träume davon, dass Österreich das Zentrum für Bio-Tech werde. Doch dazu brauche es einen Kulturwandel, der bereits bei der Jugend beginnt. In der Schule werde "ein bisserl Biologie und auch Physik" unterrichtet, aber generell fehle es an der naturwissenschaftlichen Ausbildung. Darüber hinaus sprach sich Penninger gegen die "Gießkannenfinanzierung der Forschung" für Schwerpunktsetzungen und "Mut zur Elite" aus. Mit Quantität könne ein kleines Land wie Österreich nicht wettbewerbsfähig sein: "Dort wo die guten Universitäten sind, lassen sich auch die Firmen nieder und schaffen Arbeitsplätze, damit unsere jungen Menschen, die forschen wollen, im Land bleiben und nicht ins Ausland gehen." In diesem Zusammenhang würden laut Penninger die Universitäten dringend mehr Geld benötigen:
"Ein bis zwei Milliarden mehr für die Unis müssen doch drin sein."

Bei der Grundlagenforschung wisse man vorher das Ergebnis nicht. Es gäbe keine Garantie für den Erfolg. "Doch wir müssen es probieren", betonte Barbara Weitgruber, Sektionschefin im Bundesminister für Wissenschaft und Forschung (BMWF). "Das Wissenschafts- und Forschungsministerium stärkt mit gezielten Investitionen und Maßnahmen die medizinische Forschung in Österreich. Der aktuelle Forschungs- und Technologiebericht 2011 bestätigt diese Schwerpunktsetzung. Allein 2011 werden rund 470 Millionen Euro in die Förderung des Gesundheitswesens durch das Wissenschaftsministerium investiert. Das ist im besten Sinne des Wortes Forschung FÜR die Menschen", unterstrich die Leiterin der Forschungssektion Weitgruber. Heuer werden erstmals über acht Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung in diesem Land ausgegeben.

Hans Jörg Schelling, Verbandsvorsitzender und Präsident des Hauptverbandes, bekräftigte: "Jede Innovation ist ein Wagnis. Sie muss auch immer einen Nutzen bringen." Das gemeinsame Interesse an der Innovation sei ein längeres, selbstbestimmtes Leben bei guter Gesundheit. Schelling sorgte sich, dass der Eindruck entstehe, man könne alles mit den entsprechenden Medikamenten und Behandlungen regeln. "Doch es gibt keine Präventionstablette." Hier sei auch die Selbstverantwortung der Patienten gefragt. "Die Reparatur ist immer teurer als die Prävention." Dringenden Reformbedarf ortet Schelling im Gesundheitssystem: "Im System ist genug Geld, doch es ist schlecht verteilt." Hier müsse man die Effizienzpotenziale heben, vor allem die Zahl der Akutbetten verringern.

Kurt Grünewald, grüner Gesundheits- und Wissenschaftssprecher im Nationalrat, bemängelte den fehlenden Mut der Politik Risikokapital zur Verfügung zu stellen: "Es muss für junge Forschen die Möglichkeit geben, auf die Nase zu fallen und danach wieder aufzustehen." Für Grünewald sei Gesundheit massiv mit dem Faktor Bildung verknüpft und er verwies auf die unterschiedliche Lebenserwartung von Pflichtschulabsolventen und Akademikern. Daher sei für ihn nicht Exzellenz sondern vor allem die breite Bildung entscheidend: "Die Lust am Lernen und Forschen muss viel mehr an unseren Schulen vermittelt werden." Im Gesundheitssystem setzt Grünewald auf Spezialisierung. So sollten beispielsweise Herzoperationen nicht an circa 15 verschiedenen Standorten durchgeführt werden.

"Es geht um die Frage: Wer ist auf dem boomenden Gesundheitsmarkt innovativ genug, um reüssieren zu können? Für mich als Gesundheitspolitikerin ist es das Ziel, Gesundheitsdienstleister im öffentlichen Eigentum wettbewerbsfähig zu erhalten - in Wien ist der Weg dorthin das Wiener Spitalskonzept 2030. Innovationsfördernd ist dabei jede Maßnahme, die die besten Köpfe und die besten Hände unterstützt. Innovationshemmend ist hingegen ein Umfeld, in dem nicht laufend Strukturen und Prozesse überprüft und anpasst werden. Mir reicht der Satz Weil wir es immer schon so gemacht haben als Rechtfertigung nicht", so die Wiener Gesundheits- und Sozialstadträtin Sonja Wehsely.

Martin Munte, Geschäftsführer der AMGEN GmbH, verweist auf das hohe finanzielle Risiko der Gesundheitsforschung: "Amgen investiert als führender Konzern im Bereich der Biotechnologie rund 20 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das sind jährlich rund drei Milliarden Dollar. Dabei ist nicht gesichert, welche Substanzen die Marktreife erreichen." Sowohl Erforschung als auch Herstellung biotechnologischer Medikamente sind komplexe und sehr aufwändige Prozesse. Trotzdem machen die Arzneimittelausgaben noch immer einen vergleichsweise geringen Teil der Gesamtbehandlungskosten aus, illustriert Munte am Beispiel der Osteoporose-Behandlung: Von den 737 Millionen Euro, die in Österreich jährlich für Osteoporose aufgewendet werden, entfallen rund 25 Prozent auf die stationäre Versorgung. Danach folgen Kosten für familiäre, ambulante und stationäre Pflege sowie andere medizinische Dienstleistungen. Die Arzneimittelausgaben machen lediglich zwölf Prozent der Kosten aus. Daraus leitet Munte ab: "Eine Therapie, die Osteoporose effektiv bekämpfen hilft, zahlt sich aus, denn die größten Kostenfaktoren sind stationäre Behandlungen und Pflege."

Martin Gleitsmann, Initiator der Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich und Leiter der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit in der WKÖ, tritt für die Förderung des Qualitätswettbewerbs im Gesundheitssystems ein: "Statt eines einseitigen und kurz-fristigen Preiswettbewerbs, wollen wir den Wettbewerb um neue Produkte, die bessere Qualität und Organisationsformen vorantreiben." Für Gleitsmann ist klar: "Kostendämpfungen im heimischen Gesundheitssystem sind sogar bei besserer Qualität möglich. Wir brauchen ein System mit mehr Transparenz, Qualität und Koordination zum Nutzen der Patienten." Jene Kosten, die man durch die Hebung von Effizienzpotentialen spare, sollte man in Innovationen investieren. So sollen vor allem Innovationen gefördert werden, die einen Beitrag zu besseren Behandlungsergebnissen und höherer Wirtschaftlichkeit leisten: "Innovationen müssen sich bezahlt machen." (AC)

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