"Die Presse"-Leitartikel: Ein Gesetz gegen Selektion, das die Menschenwürde verletzt, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 7.7.2011

Wien (OTS) - Österreicher und Deutsche haben so viel Angst vor dem Nazi-Gespenst der "Selektion", dass sie bereit sind, sich in heillose ethische Widersprüche zu begeben.

Fünf Stunden lang wollen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages heute darüber diskutieren, ob und unter welchen Bedingungen die sogenannte "Präimplantationsdiagnostik" (PID), die das deutsche Embryonenschutzgesetz heute ausdrücklich verbietet, in Zukunft erlaubt sein soll. Präimplantationsdiagnostik ist jenes Verfahren, mit dem durch künstliche Befruchtung entstandene Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf genetische Defekte untersucht werden.
Es liegen drei Entwürfe vor: Der von Bundeskanzlerin Angela Merkel favorisierte sieht ein Beibehalten des PID-Verbots vor; ein zweiter Entwurf plädiert für "Straffreiheit" in Ausnahmefällen; der aussichtsreichste Vorschlag, den Familienministerin Ursula von der Leyen unterstützt, sieht eine Erlaubnis der PID unter bestimmten Auflagen wie Beratung und Einschaltung einer Ethikkommission vor. Alle drei Entwürfe weisen ein hohes Maß an inneren Widersprüchen auf. Das strikte Verbot von Präimplantationsdiagnostik ist überhaupt absurd, solange man - genau wie in Österreich - ausgereifte Kinder bis zum letzten Tag vor der Geburt im Mutterleib töten darf, wenn in pränatalen Diagnoseverfahren Krankheiten nachgewiesen werden, deren Diagnose an einem im Reagenzglas erzeugten Achtzeller gesetzlich verboten ist. Geschützt ist der Embryo in Deutschland und in Österreich nur so lange, wie er sich nicht im Mutterleib befindet. Ab dann kann man mit ihm machen, was man will, zum Beispiel ihn ohne Angabe von Gründen vom Leben zum Tode befördern.
Ähnlich absurd ist übrigens das Verbot der Verwendung der "überzähligen" Embryonen aus der künstlichen Befruchtung für die Stammzellenforschung. Katholische Philosophen und Bischöfe untermauern ihre Position, wonach es ethisch eher vertretbar sei, solche Embryonen mit dem Krankenhausmüll zu entsorgen, als sie in der Forschung zu "verbrauchen", mit Immanuel Kant, dem Autor des "kategorischen Imperativs": Der Mensch dürfe immer nur als Zweck an sich behandelt werden, niemals nur als Mittel zum Zweck. Entsorgung als Selbstzweck statt Forschung als Mittel zum Zweck der Rettung von Menschenleben - ob Kant sich hätte träumen lassen, dass er einmal als Mittel zum Zweck der Machterhaltung der Kirche im Kampf gegen das Leben missbraucht werden könnte?
Widerspruchsfrei ist freilich auch der aussichtsreiche, angeblich "liberale" Entwurf nicht, der die PID unter gewissen Umständen erlauben würde. Auch dieser Entwurf kann nicht erklären, warum für den Embryo "in vitro" eine Ethikkommission unter "Selektions"-Geraune eine Diagnose billigen muss, während man den Embryo "in vivo" ohne Angabe von Gründen selektieren und exekutieren darf.
Dem deutschen Schriftsteller und Rechtsphilosophen Bernhard Schlink ist der Hinweis darauf zu verdanken, dass hinter den philosophischen Stauden dieses Diskurses einer der großen Feinde der menschlichen Würde hockt: der staatliche Paternalismus, der sich anmaßt, Eltern zu gängeln, die naturgemäß besonders informiert und am Wohl ihres Kindes interessiert sind - sonst würden sie sich der nicht gerade unterhaltsamen Prozedur einer künstlichen Befruchtung nicht unterziehen.

Das banale Gerede davon, dass Österreicher und Deutsche vor dem Hintergrund ihrer Nazi-Vergangenheit von allem die Finger lassen müssten, was nur nach Selektion klingt, ist ebenso wenig überzeugend wie die Angst vor "Designerbabys". Das Paar, "das nach der Designerwohnung und dem Designerauto und der Designergarderobe auch ein Designerkind will" sei "eine Karikatur", schreibt Schlink im "Spiegel". Möglicherweise werde diese Karikatur in Einzelfällen von der Wirklichkeit eingelöst. Aber muss man deshalb gleich die Karikatur zum Maßstab der Regelung machen?
Wenn die an Verantwortung gebundene Freiheit des Menschen zum unmittelbaren Kern seiner Würde gehört, dann sind sowohl das Verbot als auch die paternalistische "Liberalisierung" der Präimplantationsdiagnostik ein gröberer Verstoß gegen die Menschenwürde, als die Methode selbst es je sein könnte.

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