Prognose für 2011 und 2012: Hohes Tempo des Aufschwungs verringert sich

Wien (OTS/WIFO) - Der Konjunkturaufschwung hält in Österreich an. Aufgrund des kräftigen Wachstums der Weltwirtschaft nehmen die Exporte weiter zu. Auch die Ausrüstungsinvestitionen dürften im Prognosezeitraum merklich gesteigert werden. Die kurzfristigen Konjunkturindikatoren lassen jedoch eine Abschwächung im weiteren Jahresverlauf erwarten. Die Expansion der Weltwirtschaft wird durch den Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise, die restriktivere Geldpolitik in einigen Schwellenländern sowie die anhaltende Belastung der privaten Haushalte in den USA gedämpft. Die Krise im Euro-Raum trägt zur Unsicherheit der Verbraucher und Unternehmen bei. Für 2011 erwartet das WIFO einen Anstieg des BIP um 3,0%; 2012 dürfte das Wirtschaftswachstum 1,8% betragen. Die internationalen Risiken für die Konjunktur haben in den vergangenen Monaten zugenommen.

Der Aufschwung der Weltwirtschaft setzte sich im I. Quartal 2011 fort, der Welthandel und die weltweite Industrieproduktion wuchsen kräftig. Neuerlich kamen die Wachstumsimpulse aus den Schwellenländern in Asien, Lateinamerika und Ostmitteleuropa. Mittlerweile dürfte sich die Konjunktur jedoch etwas abschwächen. In allen Regionen deutet sich eine merkliche Wachstumsverlangsamung im weiteren Jahresverlauf an. Hier machen sich insbesondere der Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise und die straffere Geldpolitik in einigen Schwellenländern bemerkbar. Die Weltwirtschaft dürfte im Prognosezeitraum dennoch deutlich expandieren. Insbesondere in Asien, Lateinamerika und Ostmitteleuropa bleibt die Wachstumsdynamik hoch.

In den USA wird die gesamtwirtschaftliche Produktion im Prognosezeitraum langsamer steigen als zuletzt prognostiziert. Grund dafür sind eine unerwartet schwache Entwicklung im I. Quartal, die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, die Belastung der privaten Haushalte durch die hohe Verschuldung und eine nach wie vor negative Entwicklung auf dem Immobilienmarkt sowie eine restriktivere Ausrichtung der Geld- und Fiskalpolitik.

Im Euro-Raum insgesamt ist das Wachstum gedämpft, die Divergenz zwischen einer Gruppe kräftig expandierender exportorientierter Volkswirtschaften - vor allem Deutschland - und den krisengeschüttelten Ländern in Südeuropa sowie Irland bleibt bestehen. Großbritanniens Wirtschaft dürfte im Prognosezeitraum nur mäßig expandieren. In den skandinavischen Ländern und in Ostmitteleuropa sind die Wachstumsaussichten hingegen sehr positiv.

Die internationalen Konjunkturrisiken nehmen zu. Insbesondere der Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise, die Folgen des Erdbebens in Japan, das politische Taktieren um die Anhebung der Schuldengrenze in den USA sowie die Euro-Krise könnten den weltweiten Konjunkturaufschwung zusätzlich schwächen.

Übersicht 1: Hauptergebnisse der Prognose - auf der WIFO-Website (
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12 )

In Österreich hielt der Aufschwung Anfang 2011 an. Das kräftige Wachstum in Deutschland brachte eine neuerliche starke Ausweitung der Exporte mit sich. Auch die Ausrüstungsinvestitionen nahmen weiter zu. Im Gleichklang mit dem internationalen Umfeld zeichnet sich jedoch laut WIFO-Konjunkturtest auch in Österreich eine Verlangsamung der Expansion ab. 2011 dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion dennoch um 3,0% expandieren. Für 2012 rechnet das WIFO mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8%.

Die gute Konjunktur geht 2011 mit einer deutlichen Ausweitung der Beschäftigung und einem Rückgang der Arbeitslosigkeit auf Jahresbasis einher. Der Beschäftigungsaufbau verringert sich in weiterer Folge jedoch und kann den Anstieg des Arbeitskräfteangebotes nicht mehr wettmachen. Die Arbeitslosigkeit wird daher 2012 nicht mehr sinken. Die Arbeitslosenquote stabilisiert sich bei 6,6% nach österreichischer Berechnungsmethode der unselbständigen Erwerbspersonen bzw. bei 4,2% der Erwerbspersonen laut Eurostat-Definition.

Die Verbraucherpreise erhöhen sich 2011 aufgrund des Anstiegs der Rohstoff- und Energiepreise erheblich (+3,2%). Davon sind etwa 0,4 Prozentpunkte auf die Anhebung indirekter Steuern im Zuge der Budgetkonsolidierung zurückzuführen. 2012 fallen beide Effekte schwächer aus, zugleich dürften die Löhne stärker steigen. Die Inflationsrate wird 2,6% betragen.

Der Finanzierungssaldo der öffentlichen Haushalte verbessert sich im Prognosezeitraum weiter. Hohe Steuereinnahmen dank der guten Konjunktur und die Konsolidierungsmaßnahmen senken das Defizit auf 3,1% (2011) bzw. 2,9% (2012) des BIP.

Methodische Hinweise und Kurzglossar

Periodenvergleiche

Zeitreihenvergleiche gegenüber der Vorperiode, z. B. dem Vorquartal, werden um jahreszeitlich bedingte Effekte bereinigt. Dies schließt auch die Effekte ein, die durch eine unterschiedliche Zahl von Arbeitstagen in der Periode ausgelöst werden (etwa Ostern). Im Text wird auf "saison- und arbeitstägig bereinigte Veränderungen" Bezug genommen.

Die Formulierung "veränderte sich gegenüber dem Vorjahr . . ." beschreibt hingegen eine Veränderung gegenüber der gleichen Periode des Vorjahres und bezieht sich auf unbereinigte Zeitreihen.

Die Analyse der saison- und arbeitstägig bereinigten Entwicklung liefert genauere Informationen über den aktuellen Konjunkturverlauf und zeigt Wendepunkte früher an. Die Daten unterliegen allerdings zusätzlichen Revisionen, da die Saisonbereinigung auf statistischen Methoden beruht.

Reale und nominelle Größen

Die ausgewiesenen Werte sind grundsätzlich real, also um Preiseffekte bereinigt, zu verstehen. Werden Werte nominell ausgewiesen (z. B. Außenhandelsstatistik), so wird dies eigens angeführt.

Produzierender Bereich

Diese Abgrenzung schließt die NACE-2008-Abschnitte B, C und D (Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, Herstellung von Waren, Energieversorgung) ein und wird hier im internationalen Vergleich verwendet.

Inflation, VPI und HVPI

Die Inflationsrate misst die Veränderung der Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist ein Maßstab für die nationale Inflation. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) ist die Grundlage für die vergleichbare Messung der Inflation in der EU und für die Bewertung der Preisstabilität innerhalb der Euro-Zone ( siehe auch http://www.statistik.at/ ).

Die Kerninflation als Indikator der Geldpolitik ist nicht eindeutig definiert. Das WIFO folgt der gängigen Praxis, für die Kerninflation die Inflationsrate ohne die Gütergruppen unverarbeitete Nahrungsmittel und Energie zu verwenden. So werden knapp 87% der im österreichischen Warenkorb für den Verbraucherpreisindex (VPI 2010) enthaltenen Güter und Dienstleistungen in die Berechnung der Kerninflation einbezogen.

WIFO-Konjunkturtest und WIFO-Investitionstest

Der WIFO-Konjunkturtest ist eine monatliche Befragung von rund 1.500 österreichischen Unternehmen zur Einschätzung ihrer aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Lage. Der WIFO-Investitionstest ist eine halbjährliche Befragung von Unternehmen zu ihrer Investitionstätigkeit ( http://www.itkt.at/ ). Die Indikatoren sind Salden zwischen dem Anteil der positiven und jenem der negativen Meldungen an der Gesamtzahl der befragten Unternehmen.

Arbeitslosenquote

Österreichische Definition: Anteil der zur Arbeitsvermittlung registrierten Personen am Arbeitskräfteangebot der Unselbständigen. Das Arbeitskräfteangebot ist die Summe aus Arbeitslosenbestand und unselbständig Beschäftigten (gemessen in Standardbeschäftigungsverhältnissen). Datenbasis: Registrierungen bei AMS und Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Definition gemäß ILO und Eurostat: Als arbeitslos gelten Personen, die nicht erwerbstätig sind und aktiv einen Arbeitsplatz suchen. Als erwerbstätig zählt, wer in der Referenzwoche mindestens 1 Stunde selbständig oder unselbständig gearbeitet hat. Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, und Lehrlinge zählen zu den Erwerbstätigen, nicht hingegen Präsenz- und Zivildiener. Die Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an allen Erwerbspersonen (Arbeitslose plus Erwerbstätige). Datenbasis:
Umfragedaten von privaten Haushalten (Mikrozensus).

Begriffe im Zusammenhang mit der österreichischen Definition der Arbeitslosenquote

Personen in Schulungen: Personen, die sich zum Stichtag in AMS-Schulungsmaßnahmen befinden. Für die Berechnung der Arbeitslosenquote wird ihre Zahl weder im Nenner noch im Zähler berücksichtigt.

Unselbständig aktiv Beschäftigte: Zu den "unselbständig Beschäftigten" zählen auch Personen, die Kinderbetreuungsgeld beziehen, sowie Präsenz- und Zivildiener mit aufrechtem Beschäftigungsverhältnis. Zieht man deren Zahl ab, so erhält man die Zahl der "unselbständig aktiv Beschäftigten".

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Stefan Ederer
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-464 * Fax. +43 1 798 93 86
Stefan.Ederer@wifo.ac.at

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