Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Träumen von Athen"

Ausgabe vom 30. Juni 2011

Wien (OTS) - Das griechische Parlament hat ja gesagt, Europa kann aufatmen. Zumindest vorerst. Ein Ende mit Schrecken wurde mit knapper Not abgewendet, ein Schrecken ohne Ende ist längst noch nicht abgewendet. Das gilt auch für die Griechen selbst.

Gewonnen wurde, das gilt für alle Beteiligten, Zeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zeit für die Retter, die finanzielle Stabilisierung Griechenlands mit einem durchdachten Konzept zu unterfüttern; und Zeit auch für die Regierenden, ihren Bürgern die Konsequenzen daraus zu erklären, also quasi reinen Wein einzuschenken.

Für die Griechen bedeutet dies, dass sie sich wohl auf unabsehbare Zeit von ihrer nationalen Souveränität verabschieden können. Die Regierungen werden ihres autonomen finanziellen Handlungsspielraums praktisch vollständig verlustig gehen. Das wird dem viel zitierten Satz vom Budget als in Zahlen gegossene Regierungspolitik eine ganz neue, bisher ungeahnte Dimension verleihen.

Was das für die griechische Demokratie bedeutet, ist eine gänzlich offene Frage. Ein Zusammenbruch des verknöcherten Parteiensystems, wie ihn Italien in den 90ern erlebte, ist nicht absehbar. Zu fest scheinen die beiden traditionellen Großparteien das Land noch im Griff zu haben. Das Beispiel Italiens zeigt allerdings auch, dass nicht notwendigerweise etwas Besseres auf den Zusammenbruch der alten Ordnung folgen muss.

Strukturprobleme einer Demokratie lassen sich nicht dadurch lösen, indem einfach die Eliten ausgetauscht werden. Dazu bedürfte es schon einer gesamtgesellschaftlichen Debatte darüber, was in den vergangenen Jahrzehnten alles falsch gelaufen ist und künftig anders gehandhabt werden sollte.

Ein solches Projekt von den Griechen in der jetzigen emotional aufheizten Stimmung zu erwarten ist vielleicht ein bisschen zu viel verlangt. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die griechischen Wähler einen völligen Neustart wagen oder wieder nur die Mächtigen auf Zeit tauschen.

Experimentierlust könnte genug in Adern der Griechen fließen, immerhin waren sie es, die vor 2500 Jahren als Allererste ganz neue Wege im Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten beschritten haben. Dann könnte der Rest Europas einmal mehr von dem Land an der Südostspitze des Kontinents Großes lernen. Und die Geldspritzen hätten sich in diesem Fall sogar gelohnt. Träumen wird man ja noch dürfen.

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