DER STANDARD-KOMMENTAR "Die Mär vom Beitrag der Banken" von Andreas Schnauder

Griechische Schulden werden durch neue Pläne nicht weniger und finanzierbarer - Ausgabe vom 29.6.2011

Wien (OTS) - Nicolas Sarkozy punktet wieder. Mit dem nicht ganz uneigennützig an die Medien weitergespielten Modell für die Beteiligung von Banken an den Griechenland-Hilfen hat der französische Präsident positives Echo erhalten. Ausgerechnet Paris -so könnte man meinen - vertreibt jetzt die Banken vom Futtertrog, während sich das auf einen Beitrag der privaten Gläubiger pochende Berlin dem Fettnapf nähert.

Doch wie so oft trügt der Schein. Das französische Modell mag interessante Aspekte haben, geht aber am Kern des Problems meilenweit vorbei. Durch eine teilweise Laufzeitenverlängerung der Kredite erhält Athen Zeit zum Atmen, die Schuldenlast wird dadurch aber um keinen Cent vermindert. Deshalb hat das Sarkozy-Konzept so wenig mit dem Brady-Plan (benannt nach dem damaligen US-Finanzminister Nicholas Brady) der 1980er-Jahre zu tun, bei dem die Schulden lateinamerikanischer Staaten tatsächlich gesenkt wurden. Immerhin verzeichnet Athen jetzt schon ein stolzes Obligo von 157 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Schon nach den alten Prognosen wäre diese Summe im kommenden Jahr auf 166 Prozent des BIPs geklettert. In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass auch diese Annahme viel zu optimistisch war.

Eine derart hohe Belastung kann eine Volkswirtschaft (unter Umständen) schultern, wenn - wie etwa im Falle Japans - inländische Sparer billiges Geld zur Verfügung stellen. Oder wenn ein fulminantes Wachstum zu hohen Budgetüberschüssen führt, die eine Tilgung der Kredite erlauben. Von beiden Auswegen aus der misslichen Lage ist Griechenland Lichtjahre entfernt. Dennoch wird neuerlich gutes Geld schlechtem nachgeworfen - wohl, um das Eingeständnis des Scheiterns nach hinten zu verschieben. Ein Staatsanwalt würde das irgendwo zwischen Insolvenzverschleppung und Untreue einreihen.

Der angenehme Nebeneffekt ist, dass die meisten der amtierenden Politiker beim endgültigen Zusammenbruch zumindest nicht mehr im Amt sein werden. Doch so einfach werden die Euro-Spitzen nicht davonkommen: Die griechische Insolvenzgefahr stellt eine konstante Nahrung für die schwelende Unsicherheit dar, die nicht nur die Finanzmärkte belastet. Fragt sich nur, warum nicht endgültig Tabula rasa gemacht wird.

Weil die Europäische Zentralbank zu viele Ramschanleihen auf ihren Büchern hat? Weil es die Euro-Spitzen verabsäumt haben, ihre Notkredite im Fall einer Insolvenz nach dem Vorbild des Währungsfonds abzusichern? Weil die Regierungen ihren Steuerzahlern nicht zumuten wollen, dass sie nun doch - entgegen allen Beschönigungen - die Zeche für die griechische Tragödie zahlen müssen? Weil die Pläne für die Sanierung Athens völlig unrealistisch waren? Was jetzt auf dem Tisch liegt, ist eine Verschleierung bisheriger Versäumnisse. Die Banken kommen de facto ungeschoren davon, der Steuerzahler wird wohl doch auf Geld verzichten, Griechenland und somit die Eurozone gewinnt nicht, sondern verliert Zeit.

Statt das zu realisieren, malen Euro-Chefs lieber Horrorszenarien an die Wand und vergleichen einen Schuldenschnitt mit den Folgen des Lehman-Kollapses. Interessanterweise gab es die weder beim Brady-Plan noch beim jüngsten Haircut irischer Staatsbanken. Aber so leicht lässt man sich in der EU nicht von den selbstgewählten Irrwegen abbringen.

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