Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Bildung contra Demokratie?"

Ausgabe vom 28. Juni 2011

Wien (OTS) - Bildung ist der Schlüssel zur Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit - das gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Wer an dieser Überzeugung rüttelt, stellt sich selbst außerhalb des Wertekanons, der unserer westlichen Zivilisation zugrunde liegt.

Doch der Traum der Aufklärung könnte auf wackligeren Fundamenten stehen, als wir gemeinhin bereit sind zuzugestehen. Bisher gehörte es zu den unerschütterlichen Eckpfeilern unseres Fortschrittsglaubens, dass mit steigender Bildung auch die Bereitschaft des Einzelnen wächst, nicht nur Armut, sondern auch autoritäre Strukturen abzuwerfen. Bildung, so lautet die einfache Gleichung, steht in einem direkten positiven Zusammenhang mit Wohlstand und Demokratie.

Die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint dieser These befreiender Modernisierung Bestätigung zuhauf zu liefern, wie auch die jüngsten Revolutionen in der arabischen Welt, wo ebenfalls eine junge, verhältnismäßig gut gebildete Bevölkerung das doppelte Joch von wirtschaftlicher Perspektivenlosigkeit und politischer Unterdrückung nicht länger zu ertragen bereit war.

Eine Studie, die das "National Bureau of Economic Research" mit Sitz in Cambridge/Massachusetts im April veröffentlichte ("Education as Liberation?"), ist jedoch geeignet, den Glauben an das eherne Prinzip Demokratisierung durch Bildung zu erschüttern. Zwar hat, so das Ergebnis, ein Mehr an Bildung zu einem größeren Maß an persönlicher Freiheit und politischem Wissen geführt und gleichzeitig die Akzeptanz von politischen Autoritäten sowie die Zufriedenheit mit den politischen Zuständen reduziert. Auf der anderen Seite wurden jedoch auch die Gefühle ethnischer Zugehörigkeit und - damit zusammenhängend - der Rechtmäßigkeit politischer Gewalt gestärkt.

Diese Fallstudie stammt aus Kenia, einem afrikanischen Schwellenland. Dass höhere politische Bildung nicht automatisch zu mehr demokratischem Engagement führt, kennt man jedoch auch aus hochentwickelten westlichen Industriestaaten. Man denke nur an Österreich. Auch hier erreicht - trotz ständig wachsender Bildungsniveaus - die Unzufriedenheit mit dem politischen System neue Höchststände, verzeichnet die Partei der Frustrierten und Nichtwähler massenhaften Zulauf.

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