"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Es geht um Leistung, nicht um Fünfer"

Die Bildungspolitiker haben es wieder geschafft, das Thema zu verfehlen. Setzen.

Wien (OTS) - Wieder geht ein Schuljahr zu Ende. Die österreichische Bildungspolitik bekommt wieder drei Fünfer - und will gleichzeitig aufsteigen. Die Unterrichtsministerin glaubt noch immer, sie kann sich mit viel Geld die Zustimmung des Boulevards kaufen - und verhaut mit schlechter Kommunikation die gute Idee von Modulen in der Oberstufe. "Nicht sitzen bleiben" fordert Hannes Androsch, und erhält weniger Zustimmung, als erwartet. China bildet pro Jahr 6 Millionen Akademiker aus - und wir sparen unsere Unis zu Tode. Unsere Kinder - unsere Zukunft?
Aber sehen wir es positiv: Endlich soll in den Oberstufen ein System eingeführt werden, wo Schüler gezielt gefördert werden. Dieser Fortschritt darf nicht zu einer Debatte verkommen, ob man mit 2 oder 3 Fünfern aufsteigen darf. Hier kann die Regierungsspitze schnell einen Kompromiss finden. Viele Lehrer sind auch dafür und das beweist, dass die Pädagogen bei Reformen durchaus motivierbar sind. Wenn ein eigener "Lerncoach" sich individuell um Schüler kümmert, dann kann das nur positiv sein. Dafür hätten wir keinen Schulversuch gebraucht. Umso mehr wollen wir wissen, welche Lehrer diese Aufgabe übernehmen werden - und wer sie bezahlt.
Das kann aber nur ein Beginn dafür sein, die Oberstufe grundlegend umzubauen. Hier müssen die Schüler für das Studium an einer Universität, vor allem aber auf einen späteren Beruf vorbereitet werden. Und das heißt: Leistung, Leistung, Leistung.
Die Konkurrenten der nächsten Generation von Uni-Absolventen sitzen nicht nur in österreichischen Schulen, sondern vor allem auch in Deutschland und in den mittel- und osteuropäischen Ländern. Schon jetzt sagt eine Statistik des österreichischen Integrationsfonds, dass Studenten aus dem Ausland ihr Studium in Österreich schneller absolvieren. Weil sie besser vorbereitet an die Uni kommen - oder weil sie fleißiger sind? Oder weil sie sich darauf eingestellt haben, dass sowohl in der Ausbildung als auch später im Beruf der Leistungsdruck generell stärker wird? Verantwortungsvolle Bildungspolitiker machen die jungen Leute darauf aufmerksam, dass sie es einmal schwerer haben werden. Wenn die Vertreterin der Kritischen Schülerinnen im KURIER vom Donnerstag beklagt, dass das Wort Leistung in der Schule immer öfter verwendet wird, dann hat sie von der Veränderung der globalen Arbeitswelt erstaunlich wenig mitbekommen -oder sie stellt sich bewusst naiv. Der Gruppe, die sie vertritt, nützt sie damit nicht.
Der nächste Schritt muss endlich die Reform der Pädagogenausbildung und des Lehrerdienstrechts sein. Eine modulare Oberstufe braucht Lehrer, die entsprechend ausgebildet sind und Räumlichkeiten, wo die Schüler den ganzen Tag lernen können. Beides kostet Geld, das unser Land auf jeden Fall haben muss. Es geht um Kinder, nicht um Fünfer.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0001