"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Alter schützt vor Weisheit nicht"

Die Regierungen zittern nur vor Wahlen, ein 92-Jähriger denkt an die Zukunft.

Wien (OTS) - Da sitzt ein 92-jähriger Mann im kargen Büro in Hamburg und verbreitet in seinen Artikeln und Büchern mehr europäischen Esprit und Zukunftsdenken als der gesamte Europäische Rat, der heute in Brüssel zusammenkommt. Helmut Schmidt, Sozialdemokrat und deutscher Bundeskanzler zwischen 1974 und 1982, erklärt uns eindringlich in der Wochenzeitung Die Zeit: "Griechenland gehört zu uns."
Aber wie sollen wir Österreicher, die mitzahlen sollen, um einen Bankrott Griechenlands zu verhindern, dieses Zugehörigkeitsgefühl spüren? Wenn gleichzeitig Herr Strache nur "Unser Geld für unsere Leut'" rufen muss, um freudige Zustimmung zu bekommen?
Den Griechen weiterhin nur Geld zu schicken wäre ökonomischer Unsinn und würde zu einem politischen Desaster in ganz Europa führen. Die EU muss jetzt die griechische Regierung dazu zwingen, klare staatliche Strukturen einzuführen, sie muss ein effizientes Steuerwesen verlangen und konkrete wirtschaftliche Projekte anstoßen.
In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatten es die Politiker zweifellos leichter. Die Wirtschaft wuchs, Rückschläge, wie etwa durch den Ölschock, konnten relativ schnell aufgeholt werden. Politische Krisen führten sogar zu einer Stärkung der europäischen Institutionen. Dazu kommt, dass die Gefühle der europäischen Völker durch symbolische Gesten bewegt wurden. Der französische Präsident Charles de Gaulle, der in zwei Weltkriegen gegen die Deutschen gekämpft hatte, sprach im Jahr 1962 auf dem Hauptplatz von Bonn in deutscher Sprache vom "Vertrauen in das großartige deutsche Volk". Und als sich Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident Mitterrand im Jahr 1984 über den Kriegsgräbern von Verdun die Hände reichten, war zumindest für einige Minuten der Streit um Geld und Posten vergessen.
Symbolische Gesten werden auch heute wieder gebraucht. Aber der Bezug auf die Vergangenheit wird dabei nicht reichen. Da sind wir wieder bei der Zukunft und beim 92-jährigen Helmut Schmidt, der uns vorrechnet, dass der europäische Anteil an der weltweiten Wertschöpfung im Jahr 2050 bereits unter 10 Prozent liegen wird. Europa ist eine Gesellschaft, die eher kleiner wird, wir rücken aus dem Zentrum. Schon jetzt werden viele - hochwertige - Arbeitsplätze bei uns dadurch gesichert, dass die Unternehmen in anderen Erdteilen investieren.
Wer in dieser globalen Wirtschaft an politischen oder ökonomischen Nationalismus denkt, hat bestenfalls das Handwerk des Phrasendreschers verstanden.
Jeder Euro, der noch nach Griechenland geht, muss genau überprüft werden. Und jeder Geldfluss muss von einem wirtschafts- und industriepolitischen Konzept begleitet werden. Aber es geht schon lange nicht mehr nur um die Rettung eines angeschlagenen Landes im Süden Europas. Es geht um unsere Zukunft, die in einem gemeinsamen Europa liegt.

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