Presserat beschäftigt sich mit unlauterer Informationsbeschaffung

Entscheidung des Senat 1 des Österreichischen Presserats

Wien (OTS) - In seiner heutigen Sitzung hatte der Senat 1 des Presserats über einen Fall von unlauterer Informationsbeschaffung zu entscheiden. Zur Vorgeschichte: Eine Magazin-Journalistin wollte ein Interview von der Lebensgefährtin eines verurteilten Mörders, die im geschlossenen Bereich einer psychiatrischen Klinik untergebracht war. Eine Freundin der Patientin stellte für die Journalistin den Kontakt zu der Betreffenden her und übermittelte die Zusage zum Interview. Die Freundin begleitete die Journalistin auch in die Klinik, wo das Interview geführt wurde.

Der Unterbringungsbereich der Klinik ist nicht frei zugänglich. Um eingelassen zu werden, muss man eine Glocke betätigen und sich öffnen lassen. Die Journalistin gab ihre Absicht nicht bekannt und holte bei der Klinik keine Erlaubnis für ein Interview ein.

Der Vorstand der Klinik, der darüber entscheidet, wer den Unterbringungsbereich betreten darf, wandte sich an den Presserat, damit dieser das Verhalten der Journalistin medienethisch überprüft. In seiner Entscheidung hielt der Senat 1 Folgendes fest: Selbst wenn sich die Journalistin nicht ausdrücklich als Bekannte der Patientin ausgegeben hat, nützte sie es aus, zusammen mit einer persönlichen Freundin der Patientin in den Unterbringungsbereich zu gelangen. Indem sie es unterließ, die Zustimmung der für den geschlossenen Bereich verantwortlichen Ärztinnen und Ärzte zum Interview einzuholen, verstieß sie gegen Punkt 7 des Ehrenkodex für die österreichische Presse. Dieser verbietet unlautere Methoden bei der Materialbeschaffung.

Senatssprecher Helmut Spudich kommentiert die Entscheidung: "Da die Patientin in einem geschlossenen Bereich der Psychiatrie untergebracht war und somit besonderen Schutz genießt, erforderte ein Interview nicht nur ihre Zustimmung, sondern auch die der Klinik. Eine Ausnahme gibt es nur dann, wenn die Bedeutung der Information für die Öffentlichkeit die Nachteile des Übergehens der Klinik klar aufwiegt. Dies wäre z.B. dann der Fall, wenn die Journalistin gravierende Missstände in der Klinik aufgedeckt hätte. Ein Interview mit der Lebensgefährtin eines Straftäters rechtfertigt es dagegen nicht, die Zustimmung der Klinik nicht einzuholen."

Rückfragen & Kontakt:

Helmut Spudich, Sprecher des Senats 1, Tel.: 0699/11095024

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