Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "High Noon"

Ausgabe vom 18. Juni 2011

Wien (OTS) - Was haben Gespräche am Stammtisch mit denen am Sitzungstisch des EU-Rates gemeinsam? Antwort: Ratlosigkeit, wie es mit dem Euro und vor allem Griechenland weitergeht. Seit über einem Jahr versuchen Europas Finanz- und Geldpolitiker die Finanzmärkte zu beruhigen: Rettungsschirme wurden aufgespannt, Stabilitätsmechanismen entworfen, eine europäische Bankenaufsicht auf den Weg gebracht, der Internationale Währungsfonds eingeschaltet, die G20 - es wurde an nichts gespart. Dort 1000 Milliarden Dollar, hier 500 Milliarden Euro - plus die Notenbanken, die endlos kurzfristiges Geld erfinden in der Hoffnung, dass diese Krise irgendwann aufhört.

Trotzdem steht Europa dort, wo es vor 18 Monaten auch schon gestanden ist. Mit einer Ausnahme: Die Zinsen auf die Schulden der Euroländer steigen nach wie vor, und international tätige EU-Banken haben erneute Probleme, die fürs Geschäft benötigten Dollar zu bekommen.

Ist es also egal, was die Politik tut? Derzeit ja. Es bestimmen die Finanzmärkte. Ein Blick auf diese Märkte lohnt sich allerdings: Die international gehandelten Kreditausfallversicherungen für Griechenland sind so teuer wie noch nie. Diese Versicherungen sind in Händen einiger weniger Großinvestoren. "Over the counter" meint der Fachjargon, bei den normalen Menschen ist so ein Geschacher als "unterm Tisch" bekannt.

Es ist ein intransparenter Handel zwischen Partnern, es gibt dazu keine Börse mit festgelegten Preisen; keine Behörde, die dies überblickt. Wann ein Land pleite ist und der Versicherungsfall mit Milliardenzahlungen eintritt, entscheidet eine private Assoziation mit Sitz im Rockefeller Center in New York. Dort lenken Geldhäuser, die Kreditausfallversicherungen erst erfunden haben, das Geschehen. Und sie bedienen sich üppig - das globale Zocker-Volumen liegt bei 420.000 Milliarden Dollar. Und sie kennen kein Erbarmen: Mittlerweile gibt es Kreditausfallversicherungen für Konzerne, die gar keine Verbindlichkeiten haben.

Warum es das gibt? - Gute Frage. Die Antwort darauf steht aus, solange die EU-Regierungschefs Finanzmärkte als oberste Instanz akzeptieren. Doch diese Märkte funktionieren nicht, einige wenige große Finanzinstitutionen machen alles untereinander aus. Das ist kein Markt, sondern ein privates Glücksspiel-Monopol. Und die gehören nicht beaufsichtigt, sondern aufgelöst. Wenn nächste Woche die EU-Regierungschefs Griechenland neuerlich retten wollen, müssen sie auch über Märkte sprechen, die Selbstbedienungsläden zum Nachteil der europäischen Steuerzahler sind.

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