TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. Juni 2011 vin Wolfgang Sablatnig "Milchmädchen Schmied und ihre Rechnung"

Die Pläne für die neue Oberstufe klingen gut. Hinter der Finanzierung stehen aber noch Fragezeichen.

Innsbruck (OTS) - Jede zehnte Schülerin und jeder zehnte Schüler in der Oberstufe bleibt sitzen und muss eine Klasse wiederholen. Mit mäßigem Nutzen: Rund ein Drittel von ihnen schafft den Abschluss einer Klasse auch nach der Ehrenrunde nicht, hat die Statistik Austria erhoben. Das Sitzenbleiben weitgehend einzuschränken kann also fast nur Verbesserungen bringen. Und wenn dann gleichzeitig weniger Nachhilfeunterricht nötig ist, haben auch die Eltern, die derzeit zig Millionen Euro pro Jahr dafür ausgeben, einen spürbaren Gewinn.
Die Umstellung auf die neue Oberstufe, die im Herbst 2012 starten soll, geht aber weiter. Die Umstellung, wie sie Unterrichtsministerin Claudia Schmied gestern gemeinsam mit den Bildungssprechern der Koalitionsparteien angekündigt hat, soll einen Paradigmenwechsel bringen. An die Stelle des Denkens in Schuljahren soll das Denken in Kompetenzen und Fertigkeiten treten. Wer auch nur einen Teil des Semesterstoffes nicht beherrscht, soll diesen Teil nachlernen und darüber eine Prüfung ablegen müssen. Zur Unterstützung stellt die Schule den Jugendlichen Förderunterricht und Lernbegleitung zur Verfügung. Weniger Angst, weniger Frust, mehr Motivation und mehr individuelle Förderung - das alles kann diese neue Oberstufe im besten Fall bringen.
Eine zentrale Frage konnte Schmied gestern aber nicht bis ins Letzte beantworten: die nach dem Geld. Mehr individuelle Förderung bedeutet auch mehr Bedarf nach Lehrerstunden. Die Ministerin hofft, diese dank Einsparungen durch weniger Klassenwiederholungen bezahlen zu können. Eine "Milchmädchenrechnung", wie sie selber sagte.
Als Milchmädchen wird Schmied in Zeiten knapper Budgets aber keinen Erfolg haben. Und halbe Reformen haben wir im Schulbereich schon genug gesehen.

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