Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Ratten-Agenturen"

Ausgabe vom 15. Juni 2011

Wien (OTS) - Standard & Poor's hat die Bonitätseinstufung von Griechenland erneut herabgestuft. Das US-Unternehmen ist der Meinung, dass Griechenlands Bonität schlechter sei als jene von Grenada. Das ist eine Inselgruppe zwischen Atlantik und Karibik mit 108.000 Einwohnern, von denen 32 Prozent unter der Armutsgrenze leben. Das ist - ohne Grenada schlechtzureden - eine Frechheit. Und das alles kurz vor einem Treffen der EU-Finanzminister zum Thema Griechenland.

Standard & Poor's ist eine sogenannte "rating agency", also eine Organisation, die davon lebt, die Zahlungsfähigkeit von großen Konzernen und Ländern zu bewerten. Die einflussreichen Banker, Händler und Vermittler auf den Finanzmärkten lieben "rating agencies". Diese nehmen ihnen Arbeit ab. Die Agenturen bewerten, die Finanzinstitutionen richten sich danach. Je höher die Bonität, desto mehr und ungeprüfter wird Geld gegeben.

Standard & Poor's bewertet seit 1997. Die Agentur gehört der privaten US-Mediengruppe McGraw-Hill. Die wiederum ist - angesichts eines Jahresumsatzes von sechs Milliarden Dollar salopp gesprochen - ein überdimensionierter westamerikanischer Fachmedienverlag. Die Eigentümer dieses Verlags sind alteingesessenen US-Großinvestoren -Namen, die an der Wall Street ehrfürchtig ausgesprochen werden.

Diese private Agentur spielt sich - fernab jeglicher demokratischer Legitimation - als finanzielle Welt-Polizei auf. Über Jahre wurde das hingenommen, der Schaden, den sie dabei anrichtete, blieb überschaubar. Jetzt aber gehen die mannigfaltig investierten US-Gesellschaften mit ihrer Agentur frontal auf die Euro-Zone los. Dass Griechenland mehr als schwierige Zeiten durchlebt, ist hinlänglich bekannt. Dass die anderen Euro-Länder beträchtliche Anstrengungen unternehmen, dies wieder hinzukriegen, auch. Der privaten Agentur Standard & Poor's ist das egal. Wenn die EU noch irgendetwas auf sich hält, dann muss die Antwort lauten: Was Standard & Poor's sagt, ist Europa egal. Ein westamerikanischer Medienverlag kann ja wohl nicht bestimmen, was gut und richtig in Europa ist. Alle EU-Länder sollten in der Sekunde die Bonitätseinstufungen solcher Unternehmungen ablehnen und dies laut aussprechen. Denn die "rating agencies" sind zu Ratten-Agenturen verkommen, ihr Wort ist nichts wert.

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