WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wie gefährlich ist Erdogan? - von Wolfgang Unterhuber

Die Türkei boomt. Doch es gibt genug aktuelle Probleme

Wien (OTS) - Am Sonntag wird der türkische Premier Recep Tyyip Erdogan voraussichtlich einen großen Wahlerfolg feiern. Die Frage wird nur sein, ob er mit seiner islamisch-konservativen Partei AKP im Parlament die Zwei-Drittel-Mehrheit erreichen wird oder nicht. Wenn ja, kann er die Verfassung des Landes nach eigenem Gutdünken ändern. Die neue Verfassung war das Hauptthema im Wahlkampf. Erdogan werden bonapartistische Neigungen nachgesagt.

Wie gefährlich könnte ein türkischer Napoleon für den Westen werden? Erdogan sorgt immer wieder für internationales Aufsehen. Im Februar 2008 bezeichnete er die Assimilation türkischer Einwanderer in Deutschland als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Auf dem Weltwirtschaftsforum 2009 in Davos beschuldigte er die israelische Regierung, im Gaza-Streifen bewusst unschuldige Zivilisten und Kinder getötet zu haben. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist für ihn "ohne Zweifel unser Freund", und dem Westen wirft er im Atomstreit mit Teheran Doppelmoral vor. Nahezu herzig nimmt sich dagegen die Haltung Ankaras zu Ursula Plassnik aus.

Ist Erdogan also eine "unguided missile"? Nein. Er ist ein Machtmensch - solche kennen wir auch aus Paris, Rom oder Moskau. Aber er verfolgt mit Sicherheit keine islamische oder nationalistische Revolution. Erdogan ist ein Pragmatiker. Sein wirtschaftspolitisches Management in Folge der schweren Krise 2001 wird auch von internationalen Experten gelobt. Die Türkei boomt und ist ein Land, in dem die freie Marktwirtschaft funktioniert. Das lockt internationale Investoren an, die die Türkei dringend braucht, wenn es seine ökonomische Erfolgsstory prolongieren will.

Bei Energieversorgung, Umwelttechnik oder Infrastruktur steckt man noch in den Kinderschuhen. Dazu kommen aktuelle Probleme. Das Defizit in der Leistungsbilanz nimmt gefährliche Ausmaße an. Und im Mai ist die Inflation überraschend hoch nach oben geschnellt. Erdogan mag die Verfassung ändern. An der Macht bleibt er nur, wenn er die Wirtschaft am Laufen hält. Und damit hat er genug zu tun.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001