Industriekonjunktur: Erholung setzt sich fort

9.000 Beschäftigte mehr - 10 Prozent der Lehrstellen können nicht besetzt werden - WKÖ-Engelmann: "Überbetriebliche Berufsausbildung des AMS schleunigst zurückfahren"

Wien (OTS/PWK422) - "Die Industrie erholt sich weiter. Unsere Unternehmen nehmen wieder Fahrt auf. Trotz Turbo durch die boomende Exportwirtschaft reicht es aber noch nicht für die Überholspur. Denn Gegenwind kommt vor allem von den hohen Energie- und Rohstoffpreisen", fasst Manfred Engelmann, Geschäftsführer der Bundessparte Industrie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturerhebung zusammen. Auch die steigende Inflation, der hohe Euro-Kurs gegenüber dem Dollar und der Fachkräftemangel, dämpfen die Wachstumsbestrebungen der Unternehmen.

Die einzelnen Branchen entwickeln sich sehr unterschiedlich:
"Bauindustrie und baunahe Bereiche spüren die Zurückhaltung der öffentlichen Hand bei der Auftragsvergabe. So wird die Bauindustrie ihr Produktionsniveau des Vorjahresquartals voraussichtlich nicht erreichen. Während hingegen weite Teile der Unternehmen im Bereich der Metall-Be- und Verarbeitung ihr in der Krise verlorenes Terrain durch Exporterfolge größtenteils wieder aufholen können." Vor allem die in der Krise stark getroffenen Branchen NE-Metall, Fahrzeuge, Bergwerke & Stahl, Gießereien sowie Holz legten mit ihrer Produktion überdurchschnittlich zu. Der Produktionswert der Nahrungs- und Genussmittelindustrie dürfte hingegen stagnieren.

Industrieproduktion: Krisenbruch bald überwunden

Die heimische Industrie war bereits 2010 im Aufwind und hat um knapp zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Im Startquartal 2011 setzt sich dieser Trend fort. "Die Industrieproduktion erhöht sich gegenüber dem Vorjahresquartal um 22 Prozent und liegt bei 34 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa dem Niveau des ersten Quartals 2008 (33,6 Milliarden Euro). Zwei Jahre nach der Krise scheint der gewaltige Einbruch bald überwunden", betont Engelmann. Dies gilt jedoch nicht für die Auftragseingänge: "2010 haben sich zwar die Industrieauftragseingänge um knapp 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr erholt. Damit liegen sie noch immer über eine Milliarde unter dem Niveau des Jahres 2006." Gegenüber dem Schlussquartals 2010 stagnieren die Industrieaufgänge im ersten Quartal 2011. Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal gibt es jedoch eine Steigerung von 16 Prozent. Den Turbo bei den Aufträgen bilden vor allem ausländische Auftragseingänge. Diese Entwicklung deckt sich mit den österreichischen Exporten: In den ersten drei Monaten 2011 erhöhten sich die heimischen Ausfuhren gegenüber dem Vorjahresquartal um 22,2 Prozent auf knapp 30 Milliarden Euro und lagen damit auf dem Niveau des Startquartals 2008.

Die Beschäftigungssituation spiegelt vor allem den akuten Fachkräftemangel in der Industrie wieder: "Erstmals seit der Krise wird im ersten Quartal 2011 die Zahl der Beschäftigen in der Industrie um voraussichtlich zwei Prozent steigen. Das sind bis zu 9.000 Beschäftigte mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres", zeigt sich der Bundesspartengeschäftsführer erfreut. Zählt man zum Eigenpersonal der heimischen Industrie das Fremdpersonal hinzu, erhöht sich der Gesamtbeschäftigtenstand gar um circa vier Prozentpunkte auf insgesamt rund 417.000 Beschäftigte. Auch die Zahl der Lehranfänger im ersten Lehrjahr in der Industrie stieg um 7,3 Prozent an, so die offizielle Lehrlingsstatistik. "Die Lehrlingsstatistik ist nur ein Teil der Wirklichkeit, weil gerade für anspruchsvolle Lehrberufe im Technologiebereich verstärkt Jugendliche angesprochen werden, die zuvor eine schulische Berufsausbildung in einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule begonnen und diese oft auch abgebrochen hatten. Diese schulischen Ausbildungszeiten werden teilweise auf die Lehrzeit angerechnet, wodurch solche Jugendliche üblicherweise in das zweite, manchmal auch in ein höheres Lehrjahr einsteigen. In der Statistik sind sie deshalb nicht als Lehranfänger im ersten Lehrjahr erfasst. Das heißt, dass die Zahl der Lehranfänger höher ist, als in der offiziellen Lehrlingsstatistik ausgewiesen. Und sie könnte noch um vieles höher sein, wenn die Betriebe jene junge Menschen, die sie brauchen, auch finden würden", unterstreicht Engelmann.

Überbetriebliche Berufsausbildung zurückfahren

10 Prozent aller Lehrstellen bleiben in der Industrie unbesetzt, weil kein entsprechender Bewerber gefunden werden kann. "Unsere Industrieunternehmen bemängeln vor allem die fehlende Qualifikation der Bewerber in Lesen, Schreiben und Rechnen, aber auch soziale Kompetenzen lassen zu wünschen übrig. Generell gibt es aber zu wenige Jugendliche, die Interesse an High Tech-Berufen in der Industrie haben. Deshalb ist aus Sicht der Industrie völlig unverständlich, wieso die Überbetriebliche Berufsausbildung im Auftrag des AMS weiterhin rasant und großzügig ausgebaut wird. In diesen geschützten Werkstätten werden entsprechende Fördergelder, nämlich mehr als 16.000 Euro pro Teilnehmer, verbraten, obwohl ein Teil dieser Jugendlichen mit einem entsprechenden Coaching auch einen Lehrplatz in der Industrie bekommen würden." Die Bewährungsprobe für die Jugendlichen in der Überbetrieblichen Berufsausbildung kommt erst nach dem Lehrabschluss auf dem Arbeitsmarkt. "Die Industrie fordert ein rasches Zurückfahren dieser geschützten Werkstätten. Denn eine Industrielehre bietet den Jugendlichen deutlich mehr Zukunftsperspektiven und kommt dem Steuerzahler letztlich auch günstiger." Die Fördermittel für die Überbetriebliche Berufsausbildung sollten stattdessen verstärkt in die Berufsberatung investiert werden. Engelmann plädiert darüber hinaus aufgrund der demografischen Entwicklung für eine "Aufwertung der Lehre innerhalb des Gesamtbildungssystems." (AC)

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