Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 9. Juni 2011. Von MATTHIAS CHRISTLER. "Nicht auf Kosten der Opfer sparen"

Die Stadt Innsbruck zahlt mehr Entschädigung für Missbrauchsopfer und setzt damit das Land unter Druck.

Innsbruck (OTS) - Wenn jemand als Kind geschlagen und missbraucht wurde, befreit ihn kein Geld der Welt von den lebenslangen Erinnerungen und Schmerzen. Trotzdem, die unterschiedlich hohen Beträge als Entschädigung von Stadt und Land reißen alte Wunden auf. Die Stadt Innsbruck wird 850.000 Euro an 56 Missbrauchsopfer zahlen -das Land Tirol hat 800.000 Euro für 79 Opfer vorgesehen. Die einfache Rechnung zeigt, dass die einen für weniger Opfer mehr zahlen.
Die Stadtführung und die Expertenkommission dürfen sich damit rühmen, die Missbrauchsfälle in Kinderheimen vorbildlich und menschlich bearbeitet zu haben. Das hieß es im vergangenen Jahr auch von den Verantwortlichen des Landes Tirol, die im Laufe der Verfahren immer öfter kritisiert wurden. Einzelne Personen wurden versehentlich aus der Opferliste gestrichen, persönliche Gespräche erst vier Monate nach der ersten Meldung geführt. Nach den Auszahlungen haben fünf Opfer das Gefühl, dass ihnen mehr Entschädigung zusteht.
Den Opfern war und ist es egal, von wem das Kinderheim betreut (und nicht ausreichend kontrolliert) wurde. Seit den Schlägen in der Kindheit haben sie das Vertrauen in eine höhere Gewalt, den Staat, die Behörden verloren. Bei jeder Unregelmäßigkeit müssen sie glauben, dass wieder etwas - wie viele Jahrzehnte lang - vertuscht wird. Angenommen der Bund hätte sich nicht der Verantwortung entzogen und eine Stelle für alle Opfer eingerichtet, dann müssten sich diese nicht fragen, warum die eine Kommission mehr auszahlt. Das Land muss in der zweiten Begutachtungsrunde, die im Juli ansteht, die Entschädigungszahlungen an jene der Stadt anpassen. Auch wenn das Geld für einen symbolischen Akt der Wiedergutmachung steht, wird durch die ungleichen Beträge nur neues Misstrauen geschürt.

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