Psychiatrie: Knapp 10 Prozent der Kinder brauchen Behandlung

Nur vier Kassenstellen für Kinder- und Jugendpsychiatrie vorhanden - weniger Kindesabnahmen und Gerichtskontakte bei rechtzeitiger Therapie

Wien (OTS) - Positiv reagiert die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) auf den jüngst erfolgten Ruf der Familienrichter nach mehr Prävention, um die Anzahl der Kindesabnahmen zu reduzieren. "Man darf dabei aber nicht auf die ärztliche Seite vergessen", betonten ÖÄK-Präsident Walter Dorner und der Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Günther Wawrowsky, am Donnerstag in einer Aussendung. "Wenn wir von schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen sprechen, dann reden wir von kranken und nicht von schlimmen Kindern", so Dorner. Vielen könnte mit rascher Diagnose und Therapie geholfen werden. "Dazu muss es aber einen massiven Ausbau der Kinder-und jugendpsychiatrischen Kassenstellen geben", forderte der Ärztepräsident. Es sei beschämend, dass Österreich hier europäisches Schlusslicht sei. "Mit der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau haben wir nun eine Einigung erzielt", sagte Wawrosky. Jetzt sei es höchste Zeit, dass der Hauptverband von der Bremse steige und dies für alle Kassen umsetze.

"In Österreich sind 9,6 Prozent der Kinder behandlungsbedürftig", erklärte Charlotte Hartl, Bundesfachgruppenobfrau für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Doch für sie sei keine ausreichende fachärztliche Diagnostik und Therapie im niedergelassenen Bereich gewährleistet. Derzeit gebe es in ganz Österreich nur drei Kassenstellen für Kinder-und Jugendpsychiatrie sowie eine neuropädiatrische Kassenstelle. Internationaler Standard wären aber rund 100, sagte Hartl.

"50 Prozent der Erwachsenen, die psychiatrische Auffälligkeiten zeigen, sagen, dass sie bereits als Kinder Symptome hatten", sieht Hartl echten Handlungsbedarf. "Ich gehe jedenfalls davon aus, dass mit der richtigen Diagnose und Behandlung die innerfamiliäre Überforderung, die häufig auch in Misshandlungen mündet, reduziert wird und die Anzahl der Kindesabnahmen zurückgeht."

Je früher Kinder mit Anzeichen einer Störung des Sozialverhaltens behandelt werden, desto besser seien ihre langfristigen Prognosen. "Das erspart vielen den Kontakt mit der Gerichtsbarkeit", so Hartl. Wichtig sei eine gute Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt. "Es gibt dazu schon Modelle, aber wir brauchen flächendeckend regionale Netzwerke sowie mehr Kassenplanstellen." Positiv bewertet die Expertin die Arbeit der Jugendrichter. Viele würden in den Delinquenten ebenfalls kranke Kinder sehen und sich um sie bemühen. "Diese Jugendlichen brauchen eine Behandlung, sie einzusperren hilft nicht", sagte Hartl abschließend. (zk)

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