"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Ein Freispruch, der die Schuld völlig offen lässt" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 01.06.2011

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Das möglich Opfer weinte, der freigesprochene Angeklagte sagte nichts und im Gerichtssaal wurde applaudiert. Im Zweifel wurde also in einem der größten Medienschauprozesse Deutschlands der Wetter-Fernsehmoderator Jörg Kachelmann freigesprochen, seine Ex-Freundin vergewaltigt zu haben.

Für Applaus gibt es in diesem Vergewaltigungsprozess und Medienspektakel für und gegen den Angeklagten aber keinen Grund. Ein Prozess, der zeigte, was mögliche Vergewaltigungsopfer vor Gericht erleben müssen. Ein Prozess, der aber auch vor Augen führte, wie schnell beschuldigte Männer am Pranger stehen können. Wenn Aussage gegen Aussage steht, wenn Indizien wie symmetrische Hämatome oder fehlende DNA-Spuren an einem Messer zur große Interpretationsspielräume lassen, bleibt die Wahrheit im Verborgenen. Es wird einzig die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers den Ausschlag geben.

Auch in diesem Prozess blieb die Wahrheit im Verborgenen. Die Verteidigung hat mit diversen Gutachtern gekonnt die Glaubwürdigkeit der Frau zertrümmert. Die Frau hat durch anfangs zum Teil falsche Aussage über ihre Kenntnis, welches Doppelleben ihr Freund führte, dabei mitgeholfen. Eine Polizeibeamtin hat wiederum ausgesagt, dass die Frau eindrücklich und überzeugend ihre Todesangst während der Tat geschildert hat. Auch dass die Angst mehr als die sexuelle Handlung belastet habe. Ein Gutachter des Angeklagten sezierte wiederum ausführlich den Umstand, dass die Frau sich nicht mehr erinnerte, ob Kachelmann auf ihr kniete.

Ob Kachelmann trotz Freispruchs die Frau vergewaltigte? Richter und Schöffen wissen es nicht. Und sie haben das Dilemma von Vergewaltigungsprozessen im eigenen Schlafzimmer klar zum Ausdruck gebracht. Es sei, erklärten sie, nicht möglich gewesen, "die Schuld oder gar die Unschuld des Angeklagten zu belegen". Womit sie den Angeklagten wie auch seine Ex-Freundin mit einem vielleicht nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht entlassen haben - den Angeklagten als potentiellen Vergewaltiger, die Frau als potentielle rachsüchtige Lügnerin.

Gewinner gibt es da keine, nur Verlierer. Und das ist auch das verheerende Signal solcher Prozesse für Opfer sexualisierter Gewalt. Sie werden noch mehr als bereits bisher vor einer Anzeige zurückschrecken und verstummen. Weil sie wissen, vor Gericht ein zweites Mal Opfer werden zu können. Denn im Zweifel für den Angeklagten heißt auch immer: Im Zweifel gegen das Opfer. ****

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