"Die Presse" - Leitartikel: Männer sind nicht immer Täter und Frauen nicht immer Opfer, von Friederike Leibl

Ausgabe vom 01.06.2011

Wien (OTS) - Am Ende bleiben Zweifel: Der Urteilsspruch im Kachelmann-Prozess beschädigt den Beschuldigten wie auch das vermeintliche Opfer.

Wettermoderator Jörg Kachelmann ist 15 Monate nach seiner spektakulären Verhaftung auf dem Frankfurter Flughafen vom Verdacht der Vergewaltigung freigesprochen worden. Der Urteilsspruch "in dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten, bedeutet nicht, dass seine Unschuld erwiesen ist, sondern, dass es Zweifel an seiner Schuld gab. Kachelmann muss weiterhin mit dem Verdacht leben, ein potenzieller Vergewaltiger zu sein, das vermeintliche Opfer wiederum mit dem Vorwurf, aus Hass und Rachsucht gelogen zu haben.
Der Prozess wird nicht ohne Folgen bleiben. Einerseits hat man die beispiellose Demontage eines Mannes erlebt, der, eben noch biederer Publikumsliebling im deutschen Fernsehen, die Öffentlichkeit fortan als Sexmonster und notorischer Betrüger beschäftigte. Kachelmann wurde freigesprochen, aber was von seinem Leben preisgegeben wurde, bleibt an ihm kleben. Der gezielte Betrug an seinen Partnerinnen, schlüpfrige E-Mails, kaltschnäuzige Szenen aus vielen Liaisonen, seine ausgefallenen Sexualpraktiken. Der gebürtige Schweizer wird eine finanzielle Entschädigung erhalten, sein persönlicher Schaden ist nicht ersetzbar.
Gut so, meinen jene, die von seiner Schuld überzeugt bleiben. Was hat sie denn davon überzeugt? Die Aussage einer Frau, die ihre eigenen Angaben mehrmals korrigieren musste, Indizien, die für das Gericht nicht ausreichend für einen Schuldspruch waren, aber vor allem die Vorgeschichte des Beschuldigten, sein "Charakter" sozusagen. Und die unausgesprochene Überzeugung, dass Frauen Opfer seien und Männer, wenn schon nicht immer, dann doch meistens schuldig.
Mit dieser These, die auch die deutsche Feministin Alice Schwarzer, obgleich vorsichtiger formuliert, von Beginn an postulierte, wurde das eigentlich Ungeheuerliche dieses Falls deutlich: Hier wurden Moral und Strafrecht in einer Art und Weise miteinander verknüpft, die nicht nur ernste Zweifel an der Vorgangsweise der Justiz erweckte, sondern auch an einer Öffentlichkeit, die dies als gängige Praxis nicht nur zuließ, sondern sich daran auch noch beteiligte. Klar, Kachelmann kann für sein Verständnis von Moral wenig Sympathie erwarten. Aber reicht das schon, um eines Verbrechens schuldig gesprochen zu werden? Weil er "kein Guter" ist? Es entspricht nicht unserem Gerechtigkeitsgefühl, dass es grundanständige Menschen gibt, die zu grässlichen Straftaten imstande sind. Und dass es Menschen gibt, die zutiefst unmoralisch leben und dennoch nicht straffällig werden.
Die Tatsache, dass jemand nicht nach gängigen Normen lebt und gängigen Moralvorstellungen folgt, darf zu keiner Verurteilung führen. Was strafrechtlich relevant ist und was nicht, muss immer noch ein Gericht klären: mittels Beweisen oder eindeutigen Indizien. Ob uns dies nun gefällt oder nicht.
Genau an diesem Punkt geriet etwas in gehörige Schieflage. Ausgerechnet Alice Schwarzer, deren Verdienste um Frauenrechte unbestritten sind, machte sich zur Speerspitze der Kachelmann-Gegner. Sie schlug sich von Beginn an auf die Seite des mutmaßlichen Opfers, berichtete für die "Bild"-Zeitung aus dem Gerichtssaal und ließ in Fernsehsendungen ihrer Meinung freien Lauf, wonach Kachelmann schuldig sei. Nach dem Urteilsspruch zeigte sich Schwarzer besorgt, dass Opfer sexueller Gewalt in Zukunft noch seltener als bisher Anzeige erstatten würden.

Schwarzer hat Frauen keinen guten Dienst erwiesen. Natürlich ist die Dunkelziffer bei sexuellen Straftaten hoch, natürlich machen Vergewaltigungsopfer vor Gericht "die Hölle" durch, wie ein prominenter Anwalt eben wieder bestätigt hat. Natürlich ist das ein untragbarer Zustand. Natürlich könnte man als Frau geneigt sein, die Statistik zu bemühen, in welchem Verhältnis Fälle von falscher Beschuldigung zu tatsächlichen, aber nicht angezeigten sexuellen Übergriffen stehen. Natürlich leben wir in einer Gesellschaft, in der ungleich verteilte Macht Männern ein Verhalten möglich macht, das gegen Menschenrechte verstößt.
Aber das eine Unrecht wird nicht durch das andere wettgemacht. Es ist eine schwere Lektion, aber auch Frauen sollten sie lernen.

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