Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Zweierlei Maß bei 'DSK'"

Ausgabe vom 25. Mai 2011

Wien (OTS) - Die amerikanische Autorin Naomi Wolf bemerkte in
einem Reuters-Kommentar signifikante Unterschiede in der Behandlung mutmaßlicher Sexual-Straftäter in New York. Während Strauss-Kahn in der Haft - zwecks Identifizierung - ungewöhnlicherweise nackt fotografiert wurde und den US-Medien in Handschellen vorgeführt wurde ("Täter-Laufsteg" nennt sich diese Tradition der New Yorker Polizei), laufen zwei Polizisten, denen ebenfalls eine Vergewaltigung angelastet wird, frei herum und versehen Dienst. Die Frau war zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Verbrechens stark alkoholisiert, das wurde gegen sie ausgelegt. Die Polizisten, die einen gefälschten Notruf inszenierten, um in die Wohnung zu gelangen, bezeichneten sich als unschuldig. Ihnen blieb das demütigende Procedere von "DSK" erspart -und sie behielten ihre Jobs.

Und noch etwas fiel der Schriftstellerin Naomi Wolf auf ("Der Mythos Schönheit", "Wie zerstört man eine Demokratie"): In US-Talkshows meldeten sich Hotel-Manager, die erklärten, dass in New York "jede Woche" Zimmermädchen ihre Körper gegen Geld an Gäste verkaufen. Aus der Not heraus, weil sie - auch in Nobelhotels - unglaublich schlecht entlohnt werden.

Das alles beantwortet die Frage nicht, ob Strauss-Kahn nun schuldig oder unschuldig ist. Es beantwortet die Frage nicht, ob er nun ein "brünftiger Schimpanse" (so eine französische Journalistin) ist und wie und ob er das alles seiner Frau erklären kann.

Aber die krass unterschiedliche Behandlung von Sexual-Delikten (auch im puritanischen Amerika) wirft erneut die Frage auf, warum DSK so gnadenlos vorgeführt wurde. Das von vielen Medien in dem Zusammenhang aufgeworfene Thema "Macht & Sex" geht dabei am Kern vorbei.

Tatsache ist, dass - selbst bei einem Freispruch - Dominique Strauss-Kahn politisch erledigt ist. Die Bilder von ihm in Handschellen oder das Polizeifoto, das ihn als Untersuchungshäftling zeigt, werden den Prozess - egal wie der ausgeht - überleben. Eine Rückkehr in den Internationalen Währungsfonds oder eine Kandidatur für die französische Präsidentschaft ist endgültig und für immer für ihn vorbei. Und eine weitere Tatsache ist, dass dies - unabhängig von seiner Schuld - anderen Mächtigen diesseits und jenseits des Atlantiks ausgezeichnet ins Konzept passt.

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