TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Mai 2011 von Mario Zenhäusern "Sparkurs auf Kosten der Schwächsten"

Wahlfreiheit für Eltern behinderter Kinder zwischen Sonderschule und Integration besteht nur auf dem Papier.

Innsbruck (OTS) - Eine unmittelbare Diskriminierung liegt vor,
wenn eine Person aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Religion, ihrer Weltanschauung, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Orientierung in einer vergleichbaren Situation eine weniger günstige Behandlung erfährt, als eine andere Person erfährt, erfahren hat oder erfahren würde. Dieser Satz steht im Tiroler Antidiskriminierungsgesetz. Es verbietet unter anderem jede Form der Diskriminierung im Bereich der Bildung. Die Realität sieht leider anders aus, wie das Beispiel des neunjährigen Markus zeigt.
Es ist zweifelsohne wichtig und richtig, dass sich ein Land in erster Linie um die Ausbildung jener kümmert, die künftig das Rückgrat der Gesellschaft bilden. Aber ein Sozialstaat definiert sich auch darüber, wie er mit den Schwächsten der Schwachen umgeht. Behinderte Kinder zählen zu dieser Gruppe.
In der Theorie haben die Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, wie das Vorliegen einer Behinderung im Amtsdeutsch heißt, die Wahl: Sie können ihre Kinder entweder in einer Sonderschule anmelden oder auf die Integration in einer Regelschule pochen. Letzteres scheitert leider immer wieder. Am Widerstand der Schulen, noch viel öfter aber, weil schlicht kein Geld vorhanden ist, um die für eine effektive Integration notwendigen Stützlehrer zu bezahlen. Allein in Tirol fehlen mehr als 100 Planstellen. Bezeichnend.
Dieser Sparkurs auf Kosten der Schwächsten führt das Tiroler Antidiskriminierungsgesetz ad absurdum. Er degradiert Eltern behinderter Kinder zu Bittstellern, wenn es um den Zugang zu Bildung geht. Ein Recht, das ihren Kindern gesetzlich garantiert ist.
Das ist blanker Zynismus.

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