TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 19. Mai 2011, von Irene Heisz: "Einstellung zur Schule: nicht genügend"

In einer idealen Welt gehen Eltern und Lehrer im Interesse der Kinder eine Partnerschaft miteinander ein.

Innsbruck (OTS) - Zu behaupten, dass Österreichs Schulkinder zu wenig freihätten, wäre stark übertrieben. Zu den ganz großen Ferien gesellen sich große Ferien zu Weihnachten und Ostern, eine Woche Semesterferien und diverse viertägige Wochenenden.
Es kann trotzdem - auch abseits einer Erkrankung - objektiv einsichtige Gründe dafür geben, ein Kind den einen oder anderen Tag zusätzlich nicht in die Schule zu schicken. Das subjektive Bedürfnis, ein paar Tage früher einen Urlaub anzutreten, gehört nicht dazu. Zwischen Februar 2010 und März 2011 wurden in Tirol 60 Eltern bei den Bezirkshauptmannschaften angezeigt, deren Kinder unentschuldigt gefehlt hatten.
Dabei geht es nicht darum, ob ein Kind z.B. in der letzten Woche vor den Sommerferien Lernstoff versäumt (das tut es nicht). Es geht nicht um die Justamentstandpunkte kleinlicher Paragraphenreiter. Oder darum, die Mücke einer Verwaltungsübertretung zu einem Verbrechenselefanten aufzublasen.
Der Kern des Problems besteht in unserer grundsätzlich mangelhaften gesellschaftlichen Einstellung zur Schule - und in der fehlenden Einsicht in die Tatsache, dass eine Gemeinschaft nur funktioniert, wenn sich deren Mitglieder in vermeintlich altmodische Tugenden einüben: Verantwortungsbewusstsein, die Erfüllung von Pflichten, die verlässliche Einhaltung von Regeln.
Kein Erwachsener geht jeden Tag gern in die Arbeit, kein Kind jeden Tag gern in die Schule. Aber in einer idealen Welt vermitteln Eltern ihren Kindern glaubwürdig und ernsthaft, dass Schule wichtig ist, weil die Schulpflicht auch und vor allem ein Recht auf den Schulbesuch bedeutet. Und sie bemühen sich im Interesse ihrer Kinder um ein partnerschaftliches und respektvolles Verhältnis zu jenen Menschen, von deren pädagogischen, fachlichen und menschlichen Qualitäten nicht nur der Ausbildungserfolg, sondern auch ein Teil der Persönlichkeitsbildung eines Kindes abhängt.

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