Industrie warnt vor Engpass bei Lehrlingen und Berufsnachwuchs im technischen Bereich

Bewerbermangel in industrienahen und produktionsorientierten Technikbereichen - Demografische Entwicklung wird das Problem verschärfen

Krems (OTS/PWK340) - Obwohl von einer Hochkonjunktur noch keine
Rede sein kann, ist die Industrie dennoch mit einem Mangel an Arbeitskräften mit Schlüsselqualifikationen im technischen Bereich konfrontiert: "Rückmeldungen aus Industriebetrieben zeigen, dass dies keineswegs ein Randthema ist, sondern konkrete Ausbaupläne, Forschungsvorhaben und Auftragsübernahmen behindert und - leider -mitunter sogar verhindert werden", zeigt sich Wolfgang Welser, Obmann der Bundessparte Industrie der WKÖ, im Rahmen des Industrieseminars besorgt: "Eine ausreichende Zahl an Technikern und Technikerinnen mit den für die Industrie notwendigen Qualifikationen muss vorhanden sein, um jenen technologischen Fortschritt sicher zu stellen, der für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit an einem Hochlohnstandort wie Österreich unverzichtbar ist."

Eine kürzlich im Auftrag der Bundessparte Industrie durchgeführte Umfrage des Industriewissenschaftlichen Instituts hat alarmierende Ergebnisse gebracht: Der Technikermangel zieht sich durch alle Branchen und betrifft alle Unternehmensebenen, von der Entwicklung, Konstruktion, Kalkulation, Projektplanung, Instandhaltung bis zu Leitungsfunktionen (z.B. Produktions- oder Bauleitung); die Unternehmen sind mit einer generell (zu) geringen Anzahl an Bewerbern und mit nicht ausreichender oder falscher Qualifikation der Bewerber konfrontiert.

Wolfgang Welser: "Der Abstand zwischen dem zu niedrigen Angebot und der wachsenden Nachfrage wird immer größer. Wenn wir aber Kernbereiche der industriellen Aktivität in Österreich mangels ausreichender Anzahl an Personen mit entsprechenden Qualifikationen nicht aufrecht erhalten können, dann verliert die Industrie auch ihre Rolle als Motor für Wertschöpfung, Beschäftigung und Wohlstand in Österreich."

Die Industrie ist im Bildungsbereich nicht nur eine mahnende Stimme, sondern wirkt aktiv mit an einer Verbesserung der Lage. Von Industrieunternehmen sind in den letzten Jahren zahlreiche größere und kleinere Initiativen ausgegangen, von der Bereitstellung von Technikbaukästen für Kinder, der Einrichtung von Töchtertagen in Unternehmen, der Beteiligung an der SEMI High Tech University, der Entwicklung einer eigenen Ausbildungsschiene als Kombination von Lehre, HTL und Matura bis hin zur Gründung des FH Technikum Wien.

Gerade vor dem Hintergrund dieser Anstrengungen darf die Industrie umso mehr die Politik in die Pflicht nehmen, auch ihren Beitrag zu leisten, betont Industrie-Obmann Wolfgang Welser. "Dazu gehört auch die Sorge um die künftige Ausbildung fachpraktischer und fachtheoretischer Lehrkräfte in berufsbildenden Schulen. Hier ist geplant, dass durchgehend Bachelor- und Master-Abschlüsse vorhanden sein müssen. Angesichts der auch in pädagogischer Hinsicht bestehenden Kompetenz dieser für die Vermittlung der Praxis so wichtigen Lehrkräfte ist das eine sinnlose Überlegung, die den Zugang zu diesen Bereichen gefährlich ausdünnen wird. Wir brauchen diese Fachkräfte jedoch dringend, um die Qualität unserer technischen Ausbildungen halten zu können", mahnt Welser.

Bernhard Reisner, Vice President Human Capital in der Miba AG, unterstreicht die aktive Rolle der Industrie bei der Aus- und Weiterbildung gut qualifizierter Fachkräfte: "Ein Prozent unseres Umsatzes investieren wir in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter, vom Lehrling bis zur Führungskraft. Während der Krise mussten wir in vielen Bereichen sparen, nicht aber bei den Bildungsausgaben: Sparen an der falschen Stelle kommt teuer!"

Miba nimmt in Österreich durchschnittlich dreißig Lehrlinge pro Jahr auf, mit dem Wachstum des Unternehmens steigt der Bedarf weiter an. Die Suche nach den richtigen Lehrlingen wird vor allem durch die demografische Entwicklung, aber auch durch Bildungsdefizite der Bewerber und dem Trend ins höhere Schulwesen erschwert. Eine große Herausforderung ist die Einstellung von rund zwanzig Absolventinnen und Absolventen naturwissenschaftlich-technischer Studienrichtungen im heurigen Jahr. Bernhard Reisner: "Das Problem ist einerseits die im Vergleich zu anderen Studienrichtungen geringere Absolventenquoten, andererseits aber auch die zum Teil geringe geographische Mobilität der Absolventen."

Damit sich der Standort Österreich im internationalen Wettbewerb langfristig behaupten kann, müssen Kinder und Jugendliche bereits im Kindergarten für Technik und Naturwissenschaften begeistert werden, fordert der Miba-Manager Bernhard Reisner: "Bildungsfragen sind standortentscheidend, denn unsere Arbeitsmärkte stehen in einem globalen Wettbewerb." Entscheidende Anforderung an das Bildungssystem ist neben der Vermittlung von Fachkompetenz vor allem auch das Wecken von Neugierde, Flexibilität und Freude.

Die in den letzten zehn Jahren wachsende Zahl an Lehrlingen in der Industrie zeigt, dass es der Industrie gelungen ist, mit einem attraktiven Ausbildungsangebot das Image der Industrielehre zu verbessern. "Die Berufsbildung auf der Sekundarebene ist überhaupt eine spezifische Stärke Österreichs und eine internationale Besonderheit", unterstreicht Thomas Mayr, Geschäftsführer des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw): "Wir sehen dadurch in Österreich eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit und - dank hoher Nachfrage der Unternehmen - einen relativ problemlosen Übergang der Lehrabsolventen ins Berufsleben."

Die demografische Entwicklung (d.h. die geringer werdende Zahl an Jugendlichen), die verstärkte Konkurrenz durch eine weiterführende Schulausbildung und veränderte Qualifikationsanforderungen seitens der Unternehmen machen Anpassungen der Lehrlingsausbildung notwendig. Thomas Mayr: "Besonders wichtig ist die verbesserte Einpassung der Lehrlingsausbildung in die Gesamtbildungsstruktur." Dazu zählt nicht zuletzt die von der Industrie seit langem geforderte Verbindlichkeit von Bildungszielen, die bestimmte Grundkompetenzen von Schulabgängern sicher stellen sollen.

Die Lehre muss künftig innerhalb des nationalen Qualifikationsrahmens entsprechend positioniert sein und den gleichen Stellenwert wie eine schulische Ausbildung haben. Dazu sollten insbesondere die bessere Sichtbarkeit weiterführender Abschlüsse nach der Lehre und die Durchlässigkeit zur Ebene der Fachhochschulen und Universitäten beitragen. "Zusätzlich notwendig ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Konsolidierung bestehender Abschlüsse - wie Meisterprüfung oder Absolvierung von Fachakademien - und deren Weiterentwicklung zu einem gemeinsam Rahmen einer 'tertiären Berufsausbildung'", skizziert Bildungsforscher Thomas Mayr entsprechende Zukunftsstrategien. (AC)

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