WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Erbsenzählen allein macht auch nicht glücklich - von Hans Jörg-Bruckberger

Die Balance zwischen Investieren und Sparen ist eine hohe Kunst

Wien (OTS) - Zugegeben, mein Chinesisch ist ein wenig eingerostet. Aber so viel ich weiß, haben die Chinesen entgegen einer häufig geäußerten Meinung zwar nicht das genau gleiche Schriftzeichen für Krise und Chance, allerdings gibt es ein Element, welches in beiden Zeichen enthalten ist. Dieses kann mehrere Bedeutungen haben, etwa "Maschine", "wichtiger Zeitpunkt", oder in einem bestimmten Kontext eben auch "Chance". Womit wir auch schon bei unserer heutigen Finanz-Story von Seite 17 wären. Dort haben wir uns die Entwicklung von Verbindlichkeiten und liquiden Mitteln, sprich die Nettoverschuldung der österreichischen Großindustrie über die vergangenen Jahre hindurch, genauer angeschaut. Und herausgefunden, dass die im ATX zusammengefassten Industriekonzerne in Summe überraschend wenig aus der Chance - wenn schon expansiv nichts geht, dann zumindest die Bilanzen zu sanieren - gemacht haben. Im Gegenteil: Die Nettoverschuldung ist in den vergangenen Jahren und auch während der Krise insgesamt sogar weiter angestiegen - und betrug zuletzt schon beinahe 16 Milliarden Euro. 2007 waren es keine 13 Milliarden.

Dies ist umso ernüchternder, als ja einige Kapitalmaßnahmen zur finanziellen Sanierung durchgeführt wurden, die, im Falle von Kapitalerhöhungen oder Wandelschuldverschreibungen, letztendlich auch der bestehende Aktionär (Stichwort: Gewinnverwässerung) mittragen muss.

Freilich muss man die Gesamtzahlen differenzieren. Denn im Wesentlichen gibt es zwei "Übeltäter", die die Statistik belasten:
OMV und Verbund haben in den vergangenen Jahren einen beachtlichen Schuldenberg angehäuft und ihre Nettoverschuldung gegenüber 2007 glatt verdoppelt. Ohne diesen Effekt, also bei gleichbleibender Verschuldung der beiden Energieriesen, würde die Gesamtverschuldung der heimischen Industrie-Elite bei rund elf Milliarden liegen und damit unter dem Niveau aus dem Boomjahr 2007.

Einzelne Konzerne wie die Voest oder auch Wienerberger haben sehr wohl brav Schulden abgebaut, wenngleich bei Wienerberger zum Preis einer extrem gestiegenen Aktienzahl. Und dann gibt es gleich fünf Konzerne, die sogar eine negative Nettoverschuldung ausweisen, also mehr Cash haben als Schulden. Deren Manager und Aktionäre brauchen steigende Zinsen nicht zu fürchten, die anderen scheinen aus der Krise nichts gelernt zu haben. Man kann das aber auch anders sehen:
Denn immerhin haben OMV und Verbund via Zukäufe in der Türkei eine Saat ausgebracht, Strabag oder Post hingegen mehr Cash als Fantasie.

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