DER STANDARD-KOMMENTAR "Die US-Crux mit Pakistan" von Gudrun Harrer

Den teuren Pakt mit Islamabad aufzukündigen kann sich Washington nicht leisten - Ausgabe vom 10.5.2011

Wien (OTS) - Wenn ein US-Präsident öffentlich sagt, dass er nicht weiß, ob Osama Bin Laden Unterstützer innerhalb der pakistanischen Regierung gehabt hat, dann kann man getrost annehmen, dass er dafür Beweise auf dem Tisch liegen hat. Wobei es eine Binsenweisheit ist, dass Teile des pakistanischen Geheimdienstes ISI die USA zum Narren und ihre freundlichen Kanäle zu Taliban und Konsorten offen halten, und eben auch, dass diese Teile des ISI ihre Netzwerke in allen Institutionen, in Politik, Armee und Verwaltung, haben. Das hat sich auch nach 9/11, als die USA Pakistan vor die Alternative Taliban oder Amerika stellten, nicht geändert.
Aber was jetzt, da Washington entdeckt hat, dass der meistgehasste Mann der USA zwar bescheiden, aber unbehelligt und beschaulich - und vor allem ohne häufige Ortswechsel, also sich in Sicherheit wiegend -in einer pakistanischen Kleinstadt, wo die Leute einander in die Töpfe schauen, gelebt hat? Nicht viel. Die USA wollen die Überlebenden, vor allem die Ehefrauen, verhören, und die Pakistanis werden sich hüten, das zu erlauben - so wie sie vor ein paar Jahren ihren Atomwaffenchef A.Q. Khan unter Verschluss hielten, der die Atomprogramme Irans, Libyens und Nordkoreas illegal mit Technologie belieferte. Diese Leute könnten ja wirklich die Wahrheit sagen, und die wäre vermutlich für Pakistan sehr unangenehm.
Die Crux für die USA ist, dass sie sich gut überlegen müssen, mit Pakistan zu brechen oder auch nur von seinen Verbündeten in Pakistan etwas zu verlangen, dass das Land komplett auf den Kopf stellen könnte - etwa die vernünftig erscheinende Auflösung und Neugründung der pakistanischen Geheimdienste. Bei Beibehaltung der alten Strukturen, und der Personen besonders im Mittel- und im Unterbau, dürfte er nur schwer reformierbar sein. Aber wenn sich die Regierung entschließt, den Stall auszuräuchern, könnte sich das ganz schnell gegen sie selbst wenden.
Der Pakt zwischen Washington und Islamabad ist, obwohl Islamabad seinen Teil nur sehr unzureichend erfüllt, eigentlich nicht aufkündbar. Durch das Geld, das die USA in die pakistanische Armee pumpen, kaufen sie sich in das pakistanische System ein. Es sich selbst zu überlassen, könnte viel teurer kommen. Ohne Pakistans Mitwirkung oder bei einer Stärkung der radikalen Kräfte in Pakistan ist der ersehnte US-Abzug aus Afghanistan infrage gestellt.
Und da ist noch das - weltweit am schnellsten wachsende -pakistanische Atomwaffenprogramm, in dessen Nähe die USA bleiben wollen. Wie absurd die Situation ist, zeigt sich daran, dass nun in den USA wieder einmal verstärkt diskutiert wird, ob die pakistanischen Atomwaffen in die Hände von Extremisten fallen könnten, während in Pakistan die Sorge überwiegt, ob die pakistanischen Bomben vor den USA sicher sind. Aber 100 Atombomben dürften etwas schwieriger herauszuholen sein als ein schlaftrunkener kranker Terrorist, und die kann man auch nicht erschießen.
In Pakistan ist nun Feuer am Dach, weil die Souveränität des Landes verletzt wurde. So ein Eingriff ist keine Kleinigkeit, obwohl täglich US-Drohnen pakistanisches Gebiet überfliegen und beschießen. Trotzdem wünscht man sich, dass sich die Pakistanis auch einmal die Frage vornehmen, wie es überhaupt mit der Souveränität eines Staates aussieht, in dem - ausländische - Terroristen von Schlag eines Bin Ladens unterkommen.

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