WirtschaftsBlatt-Leitartikel: ÖBB-Bashing ist Lieblingssport der Politik - von Günter Fritz

In der Auseinandersetzung um die ÖBB ist Ehrlichkeit gefragt

Wien (OTS) - Heutzutage ist nicht vieles fix; eines scheint aber
in Stein gemeißelt zu sein: Die ÖBB werden so schnell nicht wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Dazu ist der Verkehrsmoloch, in dem die SPÖ seit Generationen das Sagen hat, viel zu angreifbar - und das sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Zu Recht, denn die Bundesbahnen, die im Vorjahr stolze 330 Millionen Euro Verlust eingefahren haben, sind mit rund 20 Milliarden Euro verschuldet, wobei hier längst kein Ende der Fahnenstange abzusehen ist. Allein der Brennerbasistunnel erhöht die Verbindlichkeiten um rund fünf Milliarden Euro - mit allen drohenden Konsequenzen für das Bundesbudget. Die Organisation der ÖBB ist zum Teil so aufgebläht, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Das spüren Kunden, Geschäftspartner und Steuerzahler immer wieder.

Dazu kommen noch vielerlei Geschichten, die von Eisenbahnern, Menschen, die solchen kennen, oder auch von Politikern verbreitet werden - etwa vom Frühpensionisten-Paradies, in dem rüstige Jung-Ruheständler nach dem Abschied von der Bahn als Surflehrer jobben oder in anderen Berufen eine neue Karriere starten. Alles mag da zwar nicht stimmen, wie immer steckt darin aber zumindest ein Körnchen Wahrheit. Bei den ÖBB liegt vieles im Argen - und es ist höchste Zeit, dass das geändert wird.

Das weiß auch die Politik, und sie macht, was sie Kraft ihres öffentlichen Auftrags zu tun hat beziehungsweise tun sollte: sich für Veränderungen zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen. Leider geht es bei der Auseinandersetzung rund um die Bundesbahnen nicht besonders ehrlich zu: Regierungsparteien und Opposition versuchen ihr eigenes Süppchen zu kochen und ihre Pfründe - sprich Macht und Einfluss - zu sichern oder zumindest politisches Kleingeld zu verdienen. Auch den jüngsten Diskussionen um Schuldenabbau und Anhebung des Pensionsalters sowie der Reduktion der Frühpensionierungen haftet so ein Geruch an.

Außenstehende haben oft den Eindruck, dass es den Bahn-Kritikern, aber auch den -Befürwortern weniger um die Sache an sich als um Besitzstandswahrung geht. Egal, welche Köpfe gerade in den jeweiligen Teams der Parteien vertreten sind, deren Rollen scheinen ebenso vorbestimmt zu sein wie die Handlungen pro oder contra ÖBB. Dabei ist immer wieder die Ehrlichkeit zu vermissen, die gefragt wäre. Immerhin geht es um ein für Österreich wichtiges Unternehmen mit mehr als 42.000 Mitarbeitern. ÖBB-Bashing scheint zwar der Dauer-Lieblingssport der Politik zu sein, er ist aber höchst verzichtbar.

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