Was können und sollen Religions- und Ethikunterricht leisten? Parlamentarische Enquete zum Thema Ethikunterricht

Wien (PK) - "Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht
in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft" war heute Thema einer Parlamentarischen Enquete, in der nicht nur Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle ihre Standpunkte darlegten, sondern zu der
auch zahlreiche ExpertInnen, darunter Univ.-Prof. Anton Bucher
aus Salzburg, der Philosoph Univ.-Prof. Konrad Paul Liessmann
sowie der Theologe Emer. Univ.-Prof. Paul Michael Zulehner eingeladen waren.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die auch den Vorsitz bei der Enquete führte, unterstrich im Rahmen ihrer Begrüßung, wie wichtig es ihr sei, Themen, wie sie heute zur Diskussion stehen,
in grundsätzlicher Art und Weise mit ExpertInnen zu erörtern. Ihr sei darüber hinaus die Öffentlichkeit solcher Debatten ein persönliches Anliegen, weshalb das Protokoll im Internet veröffentlicht werde. Nach einem einstimmigen Beschluss der anwesenden Nationalratsabgeordneten wird das Stenographische Protokoll der Enquete auch ein Verhandlungsgegenstand im
Nationalrat sein.

Zunächst kamen Unterrichtsministerin Claudia Schmied und Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle zu Wort.

Schmied: Verbindende Werte der Gesellschaft vermitteln und
vorleben

Bundesministerin Claudia Schmied erinnerte daran, dass seit dem Schuljahr 1997/98 Schulversuche im Fach Ethik durchgeführt
werden. In diesem Jahr nehmen etwa 15.000 Schülerinnen und
Schüler an rund 200 Standorten in Österreich daran teil. Die Bedeutung der Ethik sah die Ministerin darin, dass es für junge Menschen in einer Gesellschaft, die mitunter zu einseitig und bedingungslos auf Wettbewerb und Konkurrenz setzt, zunehmend schwieriger wird, die Bedeutung von Kooperation, sozialem Handeln und Solidarität zu verstehen. Hier müsse die Bildungspolitik gegensteuern, damit man nicht den Zusammenhalt und den sozialen Frieden der Gesellschaft aufs Spiel setzt.

Schmied stellte die Frage in den Raum, ob Ethik ein Ersatzfach
für den Religionsunterricht werden könne oder ein eigener für alle SchülerInnen verbindlicher Gegenstand. Ethik könne auch als eine Querschnittsmaterie betrachtet werden, die in vielen Fächern zu erarbeiten sei. Jedenfalls sei es geboten, sorgfältig und präzise jene Werte zu definieren, die mit Ethik vermittelt werden sollen. Die Ministerin zitierte Albert Einstein, der Ethik als
ein "ausschließlich menschliches Unterfangen" definiert hat, "hinter dem keine übermenschliche Autorität steht". Sie verwies auch auf die Charta der Grundrechte der EU und auf die
Europäische Menschenrechtskonvention, woraus sich ableiten lasse, dass man auf weltliche Art und Weise an die Grundwerte herangehen sollte, ohne damit die anerkannten Religionen in Frage zu
stellen. An den Schulen habe man die Verantwortung jedes
Einzelnen nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gemeinschaft zu erklären, konstatierte Schmied. Es müsse auch die persönliche Identität jedes Einzelnen gestärkt werden, denn das sei die Voraussetzung für einen angstfreien Diskurs in multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften. "Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Anteilnahme ist eine Art Immunität gegen das Unmenschliche und gegen Fundamentalismen", sagte Schmied. Die Aufgabe in Politik und Verwaltung bestehe nun darin, die verbindenden Werte der Gesellschaft zu vermitteln und auch vorzuleben.

Was nun die heutige Fragestellung betreffe, so sind laut Schmied folgende Punkte zu diskutieren: Was darf der weltanschaulich neutrale Staat an Werthaltungen vorgeben? Welchen Beitrag zum Gemeinwohl und damit zum interkulturellen Zusammenleben, zum interreligiösen Dialog und zu den demokratischen Grundprinzipien der Gesellschaft kann der Religionsunterricht heute in einer pluralistischen Gesellschaft leisten? Inwieweit können andere Fächer Fragen unter verschiedenen ethischen Gesichtspunkten behandeln?

Töchterle: Kein Gegensatz zwischen Ethik und christlicher
Religion

Der Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, Karlheinz Töchterle, zitierte eingangs einen Briefwechsel zwischen dem Apostel Paulus und dem römischen Philosophen Seneca über philosophisch-ethische Fragen. Dieser sei zwar gefälscht, aber treffend gefälscht, bemerkte Töchterle. Er repräsentiere nämlich etwas für ihn ganz Wichtiges, und zwar die enge Verbindung der christlichen Religion mit der antiken Ethik. Das ethische System hätte das Christentum aus der Antike gelernt, viele zentrale ethische Forderungen der christlichen Religion seien aus der
Antike entstanden, wie etwa die Tugendlehre aus der Stoa und der Dualismus mit seiner Leibfeindlichkeit. Dieser Befund zeige, dass
es keinen wirklichen Gegensatz zwischen Ethik und christlicher Religion gibt. Man sollte daher auch in der aktuellen Situation
ein "kluges, ergänzendes Miteinander" sehen, sagte der Minister.

Wenn jemand religiöse Unterweisung nicht zu brauchen meint, so
sei es richtig, einen Ersatz zu wählen, meinte Töchterle, und das könne ein guter Ethikunterricht leisten. In dieser sinnvollen Ergänzung könnten beide Fächer agieren und zu einer Erziehung in einer Gemeinschaft beitragen, in der es Werte gibt, in der Werte gelebt werden und in der ein Wertesystem vorhanden ist, für das
man sich entscheidet und für das man sich dann auch einsetzt. (Fortsetzung Enquete)

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