"Die Presse" - Leitartikel: Obama beendet die Osama-Obsession Amerikas, von Thomas Seifert

Ausgabe vom 03.05.2011

Wien (OTS) - Mit dem Tod Osama bin Ladens endet ein Kapitel in der Geschichte der USA: Nun kann Amerika sich ins Abenteuer einer postamerikanischen Welt stürzen.

Bin Laden ist Geschichte, die al-Qaida-Ideologie findet immer weniger Anhänger. Bei den Revolutionen in der arabischen Welt wurden keine Stars and Stripes verbrannt, auf dem Tahrir-Platz waren weit und breit keine bin-Laden-Sympathisanten zu sehen. Die arabische Welt macht nicht mehr die USA, Israel und den Westen für die Malaise der arabischen Welt verantwortlich, sondern ihre korrupten, sklerotischen und despotischen politischen Führer. Die Jugend hat mit radikalem Islamismus immer weniger am Hut.
Obama hat nach dem Tod von Osama bin Laden nun die Chance, ein neues Kapitel aufzuschlagen: Im Nahen Osten sind die USA - zumindest derzeit - nicht mehr die treibende Kraft. Sie sind ein zuerst zurückhaltender, nun wohlwollender Zuseher im arabischen Frühling und überlassen das Cockpit im libyschen Flugverbotszonen-Abenteuer den nicht immer professionell agierenden Europäern.
Der persische Golf wird freilich weiterhin im Fokus des Interesses der amerikanischen Außenpolitik liegen - immerhin liegen dort über die Hälfte der weltweiten Vorräte an Öl und Gas. Besonders der Verbündete Saudiarabien und der Erzfeind Iran erfordern weiter einen hohen Grad an Aufmerksamkeit.
Aber Afghanistan wird in den Dossiers des Nationalen Sicherheitsteams im Weißen Haus weniger Seiten einnehmen. Das Land am Hindukusch scheint als Stützpunkt für Angriffe al-Qaidas auf den Westen seit einiger Zeit neutralisiert (die jüngsten - gescheiterten - Anschläge wurden im Jemen geplant) und ist strategisch bestenfalls von lokaler Bedeutung.

Das Ringen um Einfluss in einem postamerikanischen Afghanistan hat übrigens längst begonnen. Die Machtvektoren von außen: Die Interessen Indiens und des Iran stehen dort den Interessen Pakistans, das sich immer mehr China annähert, entgegen. Obama hat versprochen, die Truppenpräsenz in Afghanistan deutlich zu reduzieren, damit schwindet auch der Einfluss Amerikas. Die US-Armee hat nicht zuletzt mit der jüngsten Kommandoaktion selbst bewiesen: Der "Krieg gegen den Terror" ist nichts für Flugzeugträger, Abrams-Panzer und Infanteristen, sondern für Spionagesatelliten, Drohnen und hochtrainierte Spezialeinheiten.

Die US-Außenpolitik hat mit der Osama-bin-Laden-Obsession seit dem 11. September 2001 viel Zeit verloren: Chinas Bruttosozialprodukt hat sich von 2001 (9,6 Billionen Yuan) bis heute (37 Billionen Yuan) mehr als verdreifacht, neue Akronyme haben seit 9/11 Eingang ins Vokabular - zumindest der Davos-Jetsetter - gefunden: Goldman-Sachs-Chefökonom Jim O'Neill verwendete Ende 2001 den Begriff BRICS erstmals, um auf die steigende wirtschaftliche Bedeutung Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas hinzuweisen.
Nach dem 11. September 2001 tauchte bald auch ein neues Symbol - Euro - in der Welt der Zeichen auf. Der 112 Tage nach den Megaterroranschlägen als Bargeld eingeführte Euro hat sich -zumindest bisher - auf dem Währungsmarkt als Alternative zum Dollar behaupten können.
Mit ein Grund: Die USA liegen in puncto Schuldenbelastung gerechnet auf die Wirtschaftsleistung mittlerweile in einer Liga mit den europäischen Sorgenkindern. Dass die EZB weniger auf das Schöpfen von Geld gesetzt hat wie die Fed, ist ein weiterer Grund.
Obama will den "Krieg gegen den Terror" hinter sich lassen: Die US-Wirtschaft muss ihr Mojo zurückgewinnen, das Land muss das Bildungsdefizit und die Reform der sozialen Sicherungssysteme angehen. Amerika wird sich - zumindest bis nach den Wahlen 2012 -wohl auch stärker mit sich selbst beschäftigen.
Der 11. September 2001 und die al-Qaida-Bedrohung waren wie eine Nebelwand, die den Blick auf die großen geopolitischen Veränderungen - von der Osterweiterung bis hin zum Aufstieg Asiens - verdeckt hat. Es ist zu vermuten, dass der Mann im Haus mit der Adresse 1600 Pennsylvania Avenue nun ganz froh ist, den Kopf für Wichtigeres als einen alternden, bärtigen Terroristen freizuhaben.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001