Die Presse - Leitartikel: "Und haben fast die Sprache in der Fremde verloren", von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 23.04.2011

Wien (OTS) - Religion und Politik haben ein gemeinsames Problem:
ihre Sprache. Sie ist hermetisch und erreicht längst nur mehr die Eingeweihten und Überzeugten.

Die neueren Forschungen über das Verhältnis junger Menschen zu Religion und Glaube zeichnen ein klares Bild: Dem eher steigenden Bedürfnis junger Menschen nach spirituellen Erfahrungen steht die sinkende Bereitschaft gegenüber, sich auf der Suche nach solchen Erfahrungen den etablierten religiösen Institutionen anzuvertrauen. Das erinnert zunächst an die "Jesus ja, Kirche nein"-Mentalität der Post-68er-Generation. Aber es gibt eine entscheidende Differenz: Die Jugendlichen unserer Tage arbeiten sich nicht unter reformatorischen Vorzeichen an der Institution Kirche ab, der sie vorwerfen, sie behindere die religiöse Erfahrung mehr, als dass sie sie ermögliche. In den säkularisierten Gesellschaften unserer Tage werden religiöse Institutionen einfach ignoriert. Sie haben keine Relevanz, weil sie nicht dazu in der Lage sind - nicht einmal mehr ex negativo - in jene Regionen vorzudringen, in die sich das Religiöse zurückgezogen hat:
die Emotionen.
Das erklärt auch bei jenen Jugendlichen, die sich weiterhin innerhalb des kirchlichen Rahmens aufhalten, den großen Popularitätsunterschied zwischen dem regierenden Papst Benedikt XVI. und seinem Vorgänger Johannes Paul II. Der Wojtyla-Papst, der am kommenden Wochenende seliggesprochen wird, verfügte über einen direkten Zugang zu den Emotionen der Gläubigen. Als er gesund war, faszinierte er die Massen durch seine unerhörte Energie und Kommunikationslust, als kranker Mann schlug er die Welt durch die geradezu mystische Erscheinungsform seines Leidens in den Bann.
Der Ratzinger-Papst verfügt über beeindruckende intellektuelle Kapazitäten, aber seine emotionale Bindekraft beschränkt sich auf die Aura des Amtes. Den immer noch starken und vielleicht sogar wieder wachsenden Bedürfnissen nach der öffentlichen Erfahrung des Mystischen kann er nicht sehr viel mehr zur Verfügung stellen als sein schieres Papstsein. Josef Ratzingers Himmelsleiter ist aus Buchstaben gezimmert, und sie ist für die robusten emotionalen Bedürfnisse vieler Gläubiger zu fragil. Was den regierenden Papst und seinen charismatischen Vorgänger eint, ist der fast verzweifelte Versuch, das Lehrgebäude der Kirche trotz der massiven Erschütterungen durch den Zeitgeist stabil zu halten. Joseph Ratzinger war als Präfekt der Glaubenskongregation so etwas wie die dogmatische Sicherung des spirituellen Freikletterers Karol Wojtyla. Ihr gemeinsames Bemühen war es, den Status der Kirche als letzte Instanz für moralische Fragen zu erhalten und die unumstößlichen Wahrheiten der katholischen Lehre gegen den "Relativismus" der Postmoderne zu verteidigen.
Man wird sagen müssen, dass diesem ängstlichen Rückzugsgefecht nicht besonders viel Erfolg beschieden ist. Die Kirche spricht eine Sprache, die nur noch von den ohnehin Überzeugten und Eingeweihten verstanden wird. Sie fühlt sich fremd in dieser Welt, und ihre Würdenträger zitieren gelegentlich nicht ohne stolz den Beginn des Hölderlin-Gedichtes "Mnemosyne": "Ein Zeichen sind wir/ deutungslos,/ Schmerzlos sind wir und/ haben fast/ Die Sprache in der/ Fremde verloren."

Ssprachverlust in der Fremde der Gegenwart: Nicht nur die Kirche ist davon betroffen, sondern ein großer Teil der Institutionen, die noch bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die unangefochtenen Fundamente der gesellschaftlichen Realität bildeten.
Religion und Politik haben in unseren Breiten immer wieder Versuche unternommen, die unübersehbaren Erosionsprozesse zu stoppen: Die katholische Kirche hat sich dazu entschieden, ihre dogmatischen Fundamente durch massiven Beton abzusichern. Das ist ihr gelungen, das Haus steht fest - aber es wird kaum noch besucht. Ähnlich ergeht es Politikern, die sich in den Häusern der überkommenen Struktur verschanzen und nicht merken, dass sie auf sandigem Grund stehen.
Es ist die Angst vor der Freiheit und ihren Zumutungen, die den religiösen und politischen Institutionen die Sprache raubt. Sie werden sie erst wiederfinden, wenn die Gegenwart für sie nicht mehr Fremde, sondern Heimat ist. Dann werden sie sehen, dass ein Haus nicht einstürzt, wenn man die Tür aufmacht.

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