Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die ÖBB als Beispiel"

Ausgabe vom 23. April 2011

Wien (OTS) - Über die ÖBB ist schon viel geschimpft worden, und es wird auch in Zukunft über sie geschimpft werden. Das liegt zum einen an der Präsenz des Unternehmens - jeder Österreicher kommt mehr oder weniger regelmäßig mit der Bahn in Berührung. Zum anderen liegt es daran, dass in Österreich gerne über echte und vermeintliche Privilegien der 40.000 ÖBB-Beschäftigten diskutiert wird.

Nun geht es den ÖBB aktuell nicht gerade blendend, auch wenn der Verlust 2010 etwas weniger als die kolportierten 350 Millionen Euro ausmachen wird. Der Güterverkehr laboriert an früheren Managementfehlern und Kapitalauszehrung. Beim Personenverkehr ist es noch nicht sichtbar, es wird aber in eine ähnliche Richtung gehen. Und das alles in einem zunehmenden Wettbewerb.

Nicht die Bezahlung der Mitarbeiter, aber das Dienstrecht mit Kündigungs- und Versetzungsschutz erweist sich dabei als Mühlstein. Nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter selbst. Um Kosten zu senken, muss die Bahn Mitarbeiter in Pension schicken - andere Möglichkeiten, den Personalstand zu reduzieren, gibt es nicht. Das wiederum führt dazu, dass bald ÖBBler unter 40 Jahren in Frühpension geschickt werden sollen/müssen (die älteren sind alle schon weg).

Einem Mittdreißiger zu sagen, er werde nicht mehr gebraucht und daher pensioniert, ist würdelos und eine Gemeinheit dem Mitarbeiter gegenüber. Es beschädigt das Selbstwertgefühl und kappt berufliche Entwicklungschancen.

Politik und Gewerkschaft sollten sich ernsthaft fragen, ob sie den Bahn-Mitarbeitern nicht mittlerweile einen Bärendienst erweisen, wenn diese sozialrechtlich so stark abgesichert werden.

Eine Frage, die übrigens für die meisten Beschäftigten in öffentlichen Institutionen (auch für Lehrer) gilt. Die Bahn ist ein gutes Beispiel, dass im öffentlichen Dienstrecht vieles aufzuräumen wäre, ohne gleich das Ende des Sozialstaats auszurufen. Der Entschluss der Regierung, das Beamtendienstrecht bis 2013 nicht anzurühren, war ein fataler Fehler. Für die ÖBB könnte es bedeuten, dass die Sanierung misslingt. Die Folge wäre, dass Österreich zwar auf den Schulden sitzen bleibt, das Unternehmen aber wie die AUA ins Ausland verschenkt werden muss. Aber der Weg in die Hölle ist ja oft mit guten Vorsätzen gepflastert.

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