TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 22. April 2011 von Wolfgang Sablatnig "Diese Chancen müssen sie sich erst verdienen"

Die Koalition startet mit neuer Aufstellung durch. Sie muss jetzt mehr bieten als die alten Sprüche.

Innsbruck (OTS) - Josef Pröll ist Geschichte. Vor wenigen Tagen noch setzten die Schwarzen darauf, dass ihr Obmann nach Ostern mit einem Paukenschlag die politische Bühne wieder betreten werde. Jetzt ist sein Bild von der ÖVP-Zentrale in Wien schon verschwunden. Sein Nachfolger Michael Spindelegger versucht, das Heft an sich zu reißen. Sogar das Pult für die gemeinsamen Auftritte mit Kanzler Werner Faymann ist schon ausgetauscht. Stehen statt sitzen, heißt künftig die Devise. Im Hintergrund prangt der Bundesadler. Der König ist tot. Es lebe der König.
Für Josef Pröll sind die Ereignisse der vergangenen Wochen tragisch. Gerade einmal 42 Jahre alt, muss er aus gesundheitlichen Gründen die Politik verlassen. Für die Koalition, in die Pröll seine Partei vor zweieinhalb Jahren geführt hat, bietet dieser Wechsel aber eine unverhoffte zweite Chance. Das oft zitierte Kuscheln war längst einem Nebeneinander gewichen. Vom Miteinander, das starke Reformen ermöglichen würde, keine Spur.
Faymann und Spindelegger versprechen Besserung. Mehr Reformtempo, heißt es da. Oder "neue Gemeinsamkeit". Oder mehr Einsatz für Bildung, Forschung, Erneuerung der Strukturen.
Die Botschaft hören wir wohl. Damit wir sie aber auch wieder glauben können, braucht es mehr als diese altbekannten Sprüche. An die Stelle kleinlicher Hascherei nach dem schnellen Effekt müssen ernsthafte Lösungsversuche treten. Und das Bewusstsein, dass parteipolitisches Hickhack beiden Partnern schadet, mag sich das Gegenüber noch so dumm anstellen. Politische Konfrontation und Diskussion auch in der Koalition ja - aber bitte auf offener Bühne, mit offenem Visier und ohne Untergriffe.
Unverhofft ist die zweite Chance für die Koalition auf jeden Fall. Faymann und Spindelegger müssen jetzt zeigen, dass sie nicht unverdient ist. Viel Zeit haben sie dafür nicht, wie die Umfragen zeigen.

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