TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Dienstag, 19. April 2011, von Carmen Baumgartner-Pötz: "Supersauber oder doch ein Blender?"

Hans-Peter Martin täte gut daran, die Vorwürfe gegen ihn rasch zu entkräften.

Innsbruck (OTS) - Was für eine Ironie der Geschichte! Hans-Peter Martin, ein Spesenritter ersten Grades, der frech eine Architektenrechnung für sein Privathaus unter Öffentlichkeitsarbeit verbuchen lässt und bis auf den letzten Cent alles der 2,332.617,96 Euro Wahlkampfkostenrückerstattung ausgibt, egal wofür? Ausgerechnet jener Hans-Peter Martin, der mit Knopflochkamera bewaffnet Kollegen im EU-Parlament verfolgt und stets mit lauter, schnarrender Stimme nach Transparenz gerufen hat, der selbst ernannte Schreck von Brüssel? Der sich noch mit jedem, den er ins Boot geholt hat, überworfen hat? Nein, das soll keine Häme sein. Und außerdem gilt natürlich auch für ihn, der alle Vorwürfe zurückweist, die hierzulande so bekannte Unschuldsvermutung. Was an den Vorwürfen von Martins ehemals engstem Mitarbeiter dran ist, muss die Staatsanwaltschaft bewerten. Hoffentlich bringt sie rasch Licht ins Dunkel.
Denn auch wenn viele über den offensichtlichen Politik-Querulanten HPM milde lächeln: Seine Partei, die immer nur eine One-Man-Show war, halt mit wechselnder Begleitmusik, hat 2009 bei den Wahlen zum EU-Parlament immerhin 18 Prozent der Stimmen erhalten. Fast jeder fünfte Wähler/jede fünfte Wählerin in Österreich hat dem Mann, der sich in den letzten Jahren als Alternative zu den herkömmlichen Parteien oder Parteiapparaten präsentieren konnte, das Vertrauen geschenkt. Das war damals natürlich auch als Watsche für die großkoalitionären Regierungsparteien zu sehen, aber trotzdem: Wer so viel Vertrauen erhält und nicht bereit ist, offensichtlich belegbare Vorwürfe sofort zu entkräften, ist nicht besser als jene sich ungehörig verhaltenden Politiker, über die Martin selbst gerne geschimpft hat. Er trägt somit Mitschuld daran, wenn die Gruppe der Nichtwähler - zu Recht - immer größer wird.

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