Systemfehler bei der Medikation soweit wie möglich vermeiden

Präsident der NÖ Ärztekammer spricht sich für Abteilungspharmakologen in Krankenhäusern aus

Wien (OTS) - Im Zuge des jüngst in Hollabrunn durchgeführten Prozess um einen tödlichen Medikationsfehler hat sich Dr. Christoph Reisner, Präsident der NÖ Ärztekammer für ein Überdenken der Medikationspraxis in Krankenhäusern ausgesprochen. Anlassfall war eine 85-jährige Patientin, die nach eigenen Angaben und Angaben ihres Mannes ein Medikament auf ärztliche Anweisung täglich eingenommen hatte. Das Rheumamedikament war von einem Arzt eines Rheumazentrums verschrieben worden, die Patientin hatte glaubhaft bei der Aufnahme versichert, das einmal wöchentlich einzunehmende Medikament täglich einzunehmen. Die Dosierung des Medikaments wurde im Krankenhaus laut Angaben der Patientin durchgeführt, die Patientin ist schließlich an den Folgen der Einnahme verstorben. Zwei der Ärzte, einer davon der Abteilungsvorstand, wurden schuldig gesprochen. "Im Zuge des Prozesses wurde von einem Gutachter die Aufnahmepraxis der Patienten hinterfragt. Im gegenständlichen Fall war er der Meinung, dass bei Aufnahme in eine chirurgische Abteilung auch die internistischen Medikamente der Vormedikationen überprüft werden müssten. Dieser Wunsch entspricht aber nicht den tatsächlichen Möglichkeiten im Spitalsbetrieb. Ein solches Vorgehen würde den Tagesbetrieb jeder Abteilung im Krankenhaus zum Erliegen bringen", so Präsident Dr. Reisner.

Wie in vielen Beispielen im Gesundheitswesen wurde hier aus seiner Sicht erfolgreich versucht, Ärztinnen und Ärzte für Mängel im Gesundheitswesen verantwortlich zu machen. "Systemprobleme sind nicht dadurch zu lösen, dass man sie weiter schiebt und die Ausführenden dann an den Pranger stellt, wenn Fehler auftreten. Es ist im Krankenhausbetrieb schlicht und einfach nicht machbar, dass ein Internist jeden Patienten anschaut und die Medikation überprüft. Dieser müsste dann wieder die genaue Historie der Verschreibung kennen, durchleuchten und bewerten und schließlich das Medikament weiter verschreiben oder abzusetzen. Dazu fehlen die Ärztinnen und Ärzte und auch das Geld", so Präsident Dr. Reisner.

In diesem Falle hätte auch die e-Medikation nichts geändert, deren Pilotbetrieb seit Monatsanfang in einigen Bezirken Österreichs läuft. "Eine sinnvolle e-Medikation sollte Diagnose, Therapie, Änderungsverlauf und Abgabedatum enthalten. Wenn der Patient etwas nicht erfasst haben will, soll das auch vermerkt werden. Und neben niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie die Apotheken auch die Krankenhäuser mit einbeziehen." Im gegenständlichen Fall gab es übrigens auch keinen Warnhinweis seitens der abgebenden Apotheke, in welcher man die enorme Dosis des verschriebenen Medikaments hätte erkennen müssen.

"Wir brauchen Fachleute auf den Stationen der Krankenhäuser, die sich mit dem Thema Verschreibungen auseinandersetzen" so Präsident Dr. Reisner. "Apothekerinnen und Apotheker sind hochqualifizierte Fachleute, deren Wissen im "normalen" Apothekenbetrieb heutzutage leider nur mehr sporadisch benötigt wird." Er spricht sich daher für die Einführung von Abteilungspharmakologen in Krankenhäusern aus.

"Hier könnten Pharmazeuten im Gegensatz zur Tätigkeit in öffentlichen Apotheken, wo der Großteil der Medikamente strikt auf Verordnung der Ärztinnen und Ärzte abgegeben wird, ihr umfassendes Wissen einbringen. Koordination der Medikation am richtigen Platz ist aus meiner Sicht gefragt." Was Präsident Dr. Reisner abschließend zur Rolle der verschiedenen Gesundheitsberufe bringt: "Wenn wir all unsere Probleme mit Medikation und Medikamenten wirklich lösen wollen, brauchen wir keine e-Medikation wie angedacht. Wir brauchen nur den gezielten Einsatz der Fachleute am richtigen Ort."

Rückfragen & Kontakt:

Pressestelle der Ärztekammer für Niederösterreich
Michael Dihlmann
Tel.: 0664/144 98 94
presse@arztnoe.at
www.arztnoe.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AEN0001