Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Spielversager"

Ausgabe vom 8. April 2011

Wien (OTS) - Man weiß nicht so recht, ob man lachen soll oder weinen. Während mit Portugal gerade das nächste (und hoffentlich letzte) Land unter den Europäischen Euro-Schutzschirm fliehen muss und in der Folge wohl einen Gutteil seiner nationalen Eigenständigkeit in Budgetfragen verlieren wird, tut Österreichs Innenpolitik weiter ihr Möglichstes, ihrem ohnehin am Boden liegenden Ruf vollständig den Garaus zu machen. Statt Ruhe, Kompetenz und Besonnenheit auszustrahlen, ergötzt sich die Classe politique an schaurig-gruseligen Szenarien über die mögliche Zahl korrupter Politiker oder was denn wäre, wenn tatsächlich die Freiheitlichen bei der nächsten Wahl vom Souverän höchstselbst zur stärksten Partei geadelt werden sollten.

Keine Ahnung warum, aber irgendwann ist uns hierzulande irgendwie jeglicher Sinn für die den Dingen angemessenen Dimensionen des Politischen abhandengekommen. Innerhalb weniger Jahrzehnte ist es Politikern und Medienmachern mit vereinten Kräften gelungen, politisches Engagement in den Augen einer großen Mehrheit der Bürger fast vollständig zu diskreditieren.

Hauptverantwortlich dafür sind wahrscheinlich gar nicht so sehr die in den vergangenen Tagen so heftig diskutierten Fälle von Korruption und Unvereinbarkeit. Gauner hat es immer gegeben und wird es immer und überall geben. Lächerlich, wenn das ausgerechnet in der Politik anders sein sollte.

Viel schlimmer wirkt sich aus, dass niemand mehr sich öffentlich zu sagen getraut, dass das Politiker-Dasein in Wirklichkeit einer der undankbarsten Jobs in diesem Land darstellt (sieht man einmal vom Bundespräsidenten und von den Landeshauptleuten ab). Die Bezahlung ist durchschnittlich bis schlecht und die persönliche Belastung überdurchschnittlich hoch, die tatsächlichen Steuerungsmöglichkeiten sind überschaubar, und die private Lebensqualität ist eine Illusion.

Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass wir das Spiel namens Demokratie noch gar nicht so lange zu spielen versuchen. Wirklich beherrschen tun wir es offensichtlich noch lange nicht, wie man am momentanen Zwischenergebnis unschwer erkennen kann.

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