Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Unerhörtes vom IWF..."

Ausgabe vom 6. April 2011

Wien (OTS) - "Wir brauchen eine faire Form der Globalisierung", sagte der Chef des Internationalen Währungsfonds IWF), Dominique Strauss-Kahn. Nach seiner Einschätzung wird die Welt stabiler und weniger krisenanfällig, wenn der Wohlstand gerechter verteilt wird. Damit trägt der Franzose die neoliberale Wirtschaftspolitik, die der Fonds lange vertreten hatte, endgültig zu Grabe. Das Pendel werde stärker vom Markt zum Staat ausschlagen, meinte er.

Die Einsicht kommt spät, die Revolutionen in der arabischen Welt waren der letzte Auslöser: Die weit geöffnete Arm-Reich-Einkommensschere war ein Auslöser der Revolten. Künftig will der Währungsfonds, eine Krisenfeuerwehr für überschuldete Länder, stärker auf den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft achten. Der IWF-Chef meinte, dass die ungerechte Verteilung der Globalisierungsgewinne auch die Finanzkrise begünstigte. Darauf soll künftig früher reagiert werden, um Krisen gar nicht erst ausbrechen zu lassen.

Das ist eine Kehrtwende, die sich zwar abzeichnete, aber nun deutlich ausgesprochen wurde. Denn der Währungsfonds war eine neoliberale Speerspitze, die gerne von den USA eingesetzt wurde, um ihre Form der freien Marktwirtschaft in alle Welt zu exportieren. Länder, die vom Fonds unterstützt wurden, mussten harte Vorgaben erfüllen, etwa die Streichung von Subvention der Grundnahrungsmittel und die völlige Liberalisierung der Finanzmärkte. Das führte zur Verarmung der jeweiligen Mittelschicht und verschlechterte die Wirtschaftslage im Land noch. Die Profiteure der Währungsfonds-Programme waren meist international agierende Konzerne. Nun sollen deren Investitionen nicht schlechtgeredet werden, aber die Gewinne daraus wurden überwiegend abgezogen.

In Zukunft wird der Währungsfonds, der regelmäßig alle Länder prüft, auf die soziale Ausgewogenheit achten. Das ist ein Paradigmen-Wechsel, den sich übrigens auch die Europäische Union zu Herzen nehmen sollte. Der uniforme Kampf gegen die Inflation ist in einer komplexen Wirtschaft zu wenig und geht - über niedrige Lohnabschlüsse - immer zu Lasten der tragenden Mittelschicht.

Was aber passiert, wenn deren Kraft nachlässt, erleben derzeit die USA: einen langen und mühevollen Weg zurück zum Wachstum.

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