bOJA zu Hundstorfer-Idee: Ausbildungspflicht bis 18 ist sicher keine Lösung und "verstärkt Teufelskreis"

Stattdessen "ausgrenzungsgefährdete Jugendliche im Bildungssystem halten" und "tatsächliche Zukunftschancen für alle jungen Menschen"

Wien (OTS) - Sozialminister Rudolf Hundstorfer plant laut Medienberichten nach Schulende eine "Ausbildungspflicht" bis 18 Jahre. Sanktionen wie beispielsweise die Streichung der Familienbeihilfe sind als möglicher "Anreiz" angedacht. Das Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit (bOJA) zeigt sich über diesen jüngsten Vorstoß "etwas verwundert", so die Geschäftsführerin von bOJA, Mag.a Sabine Liebentritt. "Bei der Forderung nach einer Ausbildungspflicht wird das Thema und die Verantwortung an jene delegiert, die ganz unten sind und weder Perspektive noch Orientierung haben", erläutert die Geschäftsführerin von bOJA.

"Teufelskreislauf von Resignation und Orientierungslosigkeit"

Es sei "erfreulich", dass die Zukunftschancen junger Menschen in einen politischen Mittelpunkt rücken, allerdings orientiere sich die Idee nicht an der Lebenswelt sozial benachteiligter Jugendlicher und sei daher "kontraproduktiv", sagt die bOJA-Geschäftsführerin und ergänzt:"Wir verstehen uns als Qualitätsdiskursplattform und Sprachrohr für das Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit und für unsere Jugendlichen, und ein solches Vorhaben - so gut es sich im ersten Moment anhört - unterstützt nicht die Interessen und Entwicklungschancen der jungen Menschen." Sie verweist auf aktuelle Daten und Studien. "In Österreich leben derzeit 200.000 Jugendliche in armutsgefährdeten Familien, die täglich mit dem Druck ihrer Eltern, die entweder teilweise selbst keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, AlleinerzieherInnen sind oder Migrationshintergrund haben, konfrontiert werden", so Liebentritt. Das wiederum führe direkt in einen Teufelskreislauf von Resignation und Orientierungslosigkeit.

"Gerade junge Menschen aus einem benachteiligten Umfeld sind verstärkt von Suspendierungen durch die Schule betroffen", argumentiert Liebentritt im Sinne der Jugendlichen. Daher gelte es hier, "jugendaffine Gegenmaßnahmen zu setzen, um ausgrenzungsgefährdete Jugendliche im Bildungssystem zu halten." Das Bildungssystem selbst müsse in die Pflicht genommen und flexibler werden, "damit keine Jugendliche ohne Abschluss und Perspektive aus der Schule entlassen werden". Das müsse auch im Sinne des Sozialministers sein. Eine Ausweitung der Schulpflicht von derzeit 9 Schuljahren ist für Liebentritt "interessant zu diskutieren", denn "nicht jeder Schüler/jede Schülerin kann oder will mit 14 oder 15 Jahren über seine/ihre weitere Zukunft bestimmen", sagt sie.

Selbstverantwortung und Mündigkeit statt "jugend-inkompatible" Strukturen

In diesem Zusammenhang müsse sich auch das strukturelle Umfeld fragen "inwieweit können und wollen wir junge Menschen eigentlich erreichen?", sagt die Geschäftsführerin des Bundesnetzwerkes für Offene Jugendarbeit, Mag.a Sabine Liebentritt. "Behörden wie beispielsweise das AMS tun gut daran die eigenen Strukturen auf Kompatibilität mit der Lebenswelt Jugendlicher zu hinterfragen", regt sie an. Derzeit seien sie "eher jugend-inkompatibel". Verwirrung, Informationsmangel seitens der Jugendlichen und zu wenig individuelle und begleitende Maßnahmen, führen dazu, dass junge Menschen in die Sozialhilfe rutschten. Mag.a Liebentritt: "Kein Jugendlicher entscheidet sich bewusst gegen eine Ausbildung und für Sozialhilfe. Wir müssen die Selbstverantwortung und Mündigkeit von Jugendlichen fördern, denn junge Menschen haben Hoffnungen und Träume und jeder junge Mensch will in seinem Leben Erfolg haben."

Transparenz des Gesamtangebotes statt Maßnahmen-Dschungel

Das Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit (bOJA) plädiert für die transparente Darstellung von Projekten und Angeboten am Übergang Schule/Beruf bzw. Schule/Berufsausbildung. Sämtliche Akteure wie JugendarbeiterInnen, LehrerInnen und Behörden müssten beim Kampf gegen Dropout-Risiken miteinander vernetzt arbeiten. Es braucht mehr Unterstützung, mehr Information und mehr Bereitschaft für "kreative" Umsetzungsmöglichkeiten, sagt die bOJA-Geschäftsführerin, daher seien transparente Informationen, niederschwellige Zugänge und Orientierung an den Ressourcen, Anliegen und Lebensrealitäten der Jugendlichen dringend von Nöten. Positive Beispiele bestätigten dies.

Positive Beispiele aus der Offenen Jugendarbeit

Dass dieser Ansatz erfolgreich ist, zeigt das Beispiel Job Ahoi, eine Initiative des Jugendzentrums Vismut in Dornbirn: Jugendliche renovieren Boote, bekommen pro Tag bezahlt und sind keinen Verpflichtungen oder Zwängen unterworfen, sie beteiligen sich freiwillig - und die Folge? Sie kommen zahlreich, pünktlich und gewissenhaft zur Arbeit. Auch die Absolvierung eines Hauptschul-Abschlusses wird geboten. "Angebote dieser Art, die direkt aus den Bedürfnissen der Jugendlichen heraus konzeptionell umgesetzt werden - statt pflichtengesteuerte Ausbildungsvorschriften zu entwickeln - werden deswegen angenommen, weil die Jugendlichen dort abgeholt werden, wo sie sind und sie mit all ihren Anliegen, Wünschen und Hoffnungen ernst genommen werden", erklärt Mag.a Sabine Liebentritt, Geschäftsführerin von bOJA, das Prinzip der Offenen Jugendarbeit. Daher wertschätzen wir die gute Absicht, die hinter den Forderungen von Hundstorfer stehen könnte, können diese Idee in der Form allerdings keinesfalls unterstützen. Gerne denken wir aber als "Jugend-ExpertInnen" über konstruktive Verbesserungsmöglichkeiten für junge Menschen mit, so Liebentritt abschließend.

Über bOJA

bOJA ist das Bundesweite Netzwerk für Offene Jugendarbeit, dient als Plattform für Wissens- und Informationsaustausch und vernetzt Menschen, Ideen, Projekte, Einrichtungen - national und international. bOJA unterstützt das Erwachsen werden für Jugendliche in Österreich, indem es mit seinen Partnern im Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit (soziale Einrichtungen, Wirtschaft, Verwaltung, Bildungswesen, etc.) zusammenarbeitet und als Sprachrohr und Interessensvertreter für die Bedürfnisse von Jugendlichen aus der Offenen Jugendarbeit agiert. bOJA hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Qualitätsstandards in der Offenen Jugendarbeit voranzutreiben und das Bewusstsein für die Bedeutung von Offener Jugendarbeit zu heben. Geschäftsführerin von bOJA ist Mag.a Sabine Liebentritt.
bOJA wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend.

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