"DER STANDARD"-Kommentar: "Alte Rechnungen in Syrien" von Gudrun Harrer

Viele Syrer, die das Assad-Regime hassen, haben dennoch Angst vor einem Umsturz - Ausgabe vom 28.3.2011

Wien (OTS) - Von den drei arabischen Ländern, die zurzeit in den Schlagzeilen stehen, wurde nach den Revolutionen in Tunesien und Ägypten nur eines auf der Liste der wahrscheinlichen Umstürze oben gereiht: der Jemen. Libyen, wo jetzt der "regime change" mithilfe von internationaler Militärhilfe betrieben wird, fehlte. Und Syrien galt ebenfalls als Land, in dem die inneren Verhältnisse eine erfolgreiche Revolte - oder überhaupt eine Revolte - nicht begünstigen.
Beide, Libyen und Syrien, haben das besonders repressive System gemeinsam. Strukturell haben jedoch wohl die Regime, aber weniger die Gesellschaften Ähnlichkeiten. In Libyen drehte sich die Entscheidung um pro oder anti Gaddafi, wie der Abfall so vieler Funktionäre zeigt. In Syrien gibt es Personen, die nichts mit der autoritären Erbrepublik der Assads am Hut und dennoch Angst vor einem Umsturz haben. Die meisten Syrer sind, obwohl sie sich nach innerer und äußerer Freiheit sehnen, eher unentschlossen, ob eine Revolution der Weg ist. Aber auch außerhalb: Selbst in Israel mögen viele bezweifeln, ob sie mit dem, was nachkommen könnte, unbedingt besser dran sein werden. Zum Beispiel ein Syrien im Bürgerkrieg.
Syrien hat eine gebildete Mittelschicht, die allein der geografischen Lage wegen immer schon über die hohen Zäune des Systems geblickt hat. Deshalb hat es auch die notwendige kritische Masse von demokratischen Regimegegnern und Aktivisten.
Aber allein, wenn man sich die leidgeprüfte Stadt Deraa ansieht, in der die Unruhen ihren Ausgang nahmen, kommt man als Auslöser mit dem Slogan Demokratie allein nicht weiter: Deraa wurde immer von Familien dominiert, die den Assads fernstanden - aber umso näher dem mächtigsten Sunniten, den das Regime je hatte, Abdul Halim Khaddam, Vizepräsident bis 2005. Seither agitiert er aus dem Ausland gegen Bashar al-Assad. Khaddam mag legitime Gründe dafür haben - zu einem Demokraten macht ihn das nicht.
Ebenso verhält es sich mit Rifaat al-Assad, dem Onkel von Bashar, Bruder des alten Hafiz. Auch er ist "Opposition" - weil er selbst die Macht gern gehabt hätte. Wobei Rifaat aber heute ohnedies der falschen Gruppe angehört: Denn wie die Kämpfe in Latakiya gezeigt haben, ist ein sunnitisch-alawitischer Konflikt Teil der Spiels. Wenn eine Revolte gegen das Regime gelingt, sagt ein von Reuters zitierter US-Diplomat, dann "werden die Alawiten von den Straßenlaternen hängen".
Von radikalen Sunniten als Ketzer gesehen, würden die Alawiten viele offenen Rechnungen der syrischen Geschichte zu begleichen haben:
allen voran die Niederschlagung des Muslimbrüder-Aufstands in Hama 1982. Aber auch andere Minderheiten, allen voran die Christen, haben Angst. Der Libanon und der Irak, beides Bürgerkriegsländer, sind Nachbarn, und die Syrer waren nahe Zeugen.
Da man als Alawit nicht einfach die Seiten wechseln kann, ist die traditionell alawitisch dominierte Armee kein leichter Abfallkandidat. Aber Kanonen werden Assad nicht helfen, konsolidieren könnte er das Land nur durch überzeugende sofortige Reformen - die jedoch mittelfristig erst recht in die Selbstabschaffung des Regimes münden würden. Und selbst, wenn er - was unwahrscheinlich ist -diesen Weg gehen wollte: Anders als sein Vater ist Bashar al-Assad kein Alleinherrscher, sondern Teil einer Oligarchie, die wahrscheinlich wartet, bis die Geschichte sie wegschwappt.

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