Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 25. März 2011. Von CARMEN BAUMGARTNER-PÖTZ. "Das Kreuz mit dem Kreuz und dem Rest"

Religion als absolute Privatsache? Nicht im österreichischen Alltag und Selbstverständnis.

Innsbruck (OTS) - Der Verfassungsgerichtshof hat das Anbringen von Kreuzen in Kindergärten für zulässig erachtet, mit der Begründung, in Österreich gebe es eine Trennung von Kirche und Staat. Somit sei das Kreuz "nicht als Präferenz des Staates für eine bestimmte Religion" zu werten. Für den Verfassungsrechtler Bernd-Christian Funk ist das ein nicht logischer Zirkelschluss nach dem Motto: "Es ist so, weil es so ist." Die Begründung des VfGH mag vielleicht holprig klingen. Es mag auch konfessionsfreie oder nicht-christliche Menschen geben, die Angst haben, ihren Kindern könnte die bloße Anwesenheit des Kreuzes im Kindergarten Schaden zufügen. Eine völlig religionsfreie öffentliche Zone zu finden, dürfte hierzulande allerdings schwierig sein - weil Österreich nun einmal christlich geprägt ist und sich die Spuren des Glaubens nicht so einfach wegwischen lassen. Sie sind im Alltag verwurzelt und ein geistiges Erbe, dem man schwer entkommt, auch wenn man es nicht gutheißt. Bestes Beispiel: Bei Weitem nicht jeder, der "Grüß Gott" sagt, wird diesen Gruß im wörtlichen Sinn verstanden wissen, geschweige denn einen Atheisten damit beleidigen wollen. Umgekehrt kann man in Österreich niemanden zwingen, so zu grüßen - so what? Wer die absolute Trennung von Kirche und Staat fordert, sollte neben der akademischen Debatte um das Kreuz im öffentlichen Raum auch den Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten nicht scheuen. Christi Himmelfahrt (Fronleichnam, Allerheiligen etc.) etwa wurde nicht als gesetzlicher, arbeitsfreier Feiertag verankert, um Kurzurlaube zu ermöglichen. Das mag den Anhängern von "Religion ist Privatsache" egal sein, ist aber ein Faktum. Empörung über zu viele freie, religiös motivierte Feiertage bekommt man von den Kreuz-Gegnern aber auch auf Nachfrage nicht zu hören.

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