WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Illusion vom raschen Atom Ausstieg - von Robert Lechner

Alternativen wurden bisher konsequent blockiert

Wien (OTS) - Mehr als 440 Kernreaktoren sind weltweit in Betrieb. Einige der gefährlichsten davon stehen ausgerechnet in teils unmittelbarer Nähe der österreichischen Grenze. Und für all den Atommüll, der weltweit produziert wird, gibt es keine einzige auch nur halbwegs sichere Lagerstätte, geschweige denn einen Plan, wie eine solche aussehen könnte. Auch ohne die Ereignisse in Japan gibt es genug Gründe, ein Ende der Energiegewinnung aus Kernspaltung zu fordern - und auch umzusetzen. Möglich ist das allerdings nur langfristig.

Der rasche Ausstieg ist nicht mehr als eine Illusion. Der Irrweg Atomkraft wurde konsequent seit dem Jahr 1954, als der erste Meiler in Betrieb ging, beschritten. Knapp sechs Jahrzehnte falsche Energiepolitik lassen sich nicht innerhalb weniger Wochen korrigieren. Atomkraft gilt zudem als eines der wenigen Instrumente, um Industriestaaten von der Abhängigkeit teils seniler Despoten im Nahen Osten zu befreien. Und es war schließlich die Kernenergie, die wesentlich zum Aufstieg Japans beitrug.

Ein sofortiges Ende für diese Form der Energiegewinnung würde bedeuten, den Volkswirtschaften von Frankreich, Belgien, Schweden, Südkorea, der Slowakei, der Ukraine und Sloweniens die Lebensgrundlage abzudrehen. In all diesen Ländern liegt der Atomstrom-Anteil bei zumindest 40 Prozent.

Als falsch stellt sich dieser Tage freilich nicht nur die Politik in Sachen Kernenergie heraus. Interessant zu beobachten ist auch, dass jetzt ausgerechnet jene am lautesten schreien, die zuvor
die meisten ernstzunehmenden Alternativen zur Kernenergie blockiert haben. Jedes neu geplante Windrad hat automatisch nicht nur Landschaftsschützer und Ornithologen auf den Plan gerufen.

Jedes Bauvorhaben für leistungsstarke Stromleitungen versandet, weil kaum ein Betreiber die Nerven hat, sich mit hunderten Einsprüchen herumzuquälen. Und wer will schon im Zillertal das nächste Pumpspeicherkraftwerk? Neue Talsperren und starke Leitungen wären aber genau das, was Europa bräuchte, um die alternativen Energien besser nützen zu können. Die fließen nämlich oft dann nicht, wenn sie gebraucht werden - beziehungsweise umgekehrt. Die Wasserspeicher in den Alpen sind vorerst die einzige Lagermöglichkeit.

Wer den sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft verlangt, muss den Ausstieg aus dem gültigen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell akzeptieren. Dahinter steckt nicht die Propaganda der Atomlobby, sondern eine kurze Befragung des Hausverstandes.

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