"Die Presse" Leitartikel: Dem arabischen Frühling droht ein rasches Ende, von Wieland Schneider

Ausgabe vom 18.03.2011

Wien (OTS) - Während alles gebannt nach Japan blickt, gehen die Regimes in Libyen und Bahrain daran, den Aufständen ein gewaltsames Ende zu bereiten.

Tausende sind gestorben. Zigtausende sind auf der Flucht und haben alles verloren: ihr Dach über dem Kopf, ihr gesamtes Eigentum, viele ihrer Angehörigen. Diesmal hat es nicht Menschen in Haiti, im Kongo oder in Somalia erwischt. Diesmal ist das Unheil über eine der mächtigsten Industrienationen der Welt hereingebrochen - über Japan. Das schafft auch in Österreich große persönliche Betroffenheit, eine besondere Identifikation mit den Opfern, die gestern noch ein schmuckes Haus, ein Auto und einen Job besessen haben, heute aber vor dem Nichts stehen.

Gerade eine Katastrophe in einem Industriestaat wie Japan führt brutal vor Augen, wie verwundbar die eigene Gesellschaft ist. Dazu kommt das Reizthema Atomkraft. Der Störfall im AKW Fukushima wirft erneut Fragen nach der Beherrschbarkeit dieser Technologie auf. Der Kampf gegen die brennenden Reaktoren hält die Weltöffentlichkeit im Bann: wegen der zu befürchtenden schweren Folgen, die eine Niederlage der Hilfskräfte nach sich ziehen würde. Aber auch wegen der - fast schon metaphorischen - Frage, ob es Japans Wissenschaftler schaffen, mit ihrer Technologie ihre eigene außer Kontrolle geratene Technologie zu bezwingen.

Es gibt also viele gute Gründe dafür, warum Japan derzeit die volle Aufmerksamkeit der internationalen Medien genießt. Doch abseits von Japan geschieht auch noch anderes - etwas, das gerade für Europa in den kommenden Jahren Auswirkungen haben wird: Der arabische Frühling, der so hoffnungsvoll begonnen hat, könnte schon bald wieder zu Ende sein. In Libyen und Bahrain gehen die Machthaber daran, den Aufständen mit Gewalt ein Ende zu setzen - im Schatten der Katastrophe in Japan, die zuletzt die Titelseiten der Zeitungen und die Nachrichtensendungen internationaler TV-Stationen gefüllt hat.

Bahrains Herrscherhaus hat saudische Soldaten zu Hilfe geholt, um die Protestbewegung niederzuschlagen. Saudiarabien und Bahrain sind wichtige Verbündete der USA, in Bahrain liegt das Hauptquartier der 5. US-Flotte. Hätten es Bahrains Sicherheitskräfte und die saudischen Soldaten gewagt, so brutal wie jetzt gegen die Demonstranten vorzugehen, wenn die internationalen Medien ihre ganze Aufmerksamkeit Bahrain hätten widmen können? Die Sprecher des Weißen Hauses, ja Präsident Obama selbst, hätten sich bei den Presse-Briefings wohl viel mehr kritische Fragen gefallen lassen müssen, wenn Bahrain mehr Raum in den Berichten der US-Sender eingenommen hätte. Das hätte die USA in Zugzwang gebracht, ihre Verbündeten noch mehr zur Mäßigung zu drängen.

Dass Druck aus Washington Libyens Diktator Gaddafi weit weniger kümmert als die Herrscherhäuser in Bahrain und Saudiarabien - oder zuletzt Ägyptens Regime - liegt auf der Hand. Gaddafi wollte von Anfang an mit den Aufständischen militärisch abrechnen. Die Katastrophe in Japan kam ihm dabei gerade recht. Während alles nach Ostasien blickte, eroberten seine Truppen Stadt um Stadt zurück und marschierten bis vor die Tore der Rebellenhochburg Bengasi. Die Frage einer Flugverbotszone, ja einer "humanitären Intervention" zugunsten der Rebellen, war in den vergangenen Tagen nach wie vor präsent, stand aber nicht an oberster Stelle der Aufmerksamkeitsskala.

Dass massive Berichterstattung einen medialen Druck für ein militärisches Eingreifen erzeugen kann, zeigen die Beispiele Bosnien und Kosovo. Ob das die USA und die Europäer auch im Fall Libyen zu rascherem Handeln gezwungen hätte, darüber kann nur spekuliert werden. Man wartete auf eine Entscheidung der Arabischen Liga. Und man wollte nichts ohne Sanktus des UN-Sicherheitsrates tun.

Jetzt ist das Thema Libyen endlich wieder auf die Agenda gerückt -nur viel zu spät: Ein Sturz Gaddafis scheint mittlerweile illusorisch. Nun kämpfen die Rebellen ums Überleben - und ohne massive Intervention von außen schwinden ihre Überlebenschancen stetig. In Ägypten treffen bereits Flüchtlinge ein - Menschen, die die einst "befreiten Gebiete" aus Angst vor der Rache Gaddafis verlassen. Die vergeblich darauf gehofft haben, der internationalen Euphorie über ihren Aufstand würde auch rasche Hilfe folgen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001