"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Im Schatten der Katastrophe" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 18.03.2011

Wien (OTS) - In der einen Hand der Kugelschreiber zur Unterschrift gegen Atomkraft, in der anderen die Brieftasche für eine großzügige Spende: So standen gestern zahlreiche Wienerinnen und Wiener am Stand einer bekannten Umweltorganisation Schlange.

Greenpeace, Attac, die Umweltschützer von Global 2000 und wie sie alle heißen mögen - sie alle wittern jetzt Morgenluft. Einmal geht es medienwirksam und spektakulär gegen die Ölindustrie, dann gegen den Walfang, gegen Gentechnik, gegen die Abholzung von Tropenwäldern oder wie eben wieder gegen die Nutzung der Atomenergie. Im Hintergrund ihrer zum Teil spektakulären Aktionen steht fast immer der Versuch, die Spendenbereitschaft anzukurbeln, und das möglichst gleich per Dauerauftrag.

So wichtig es ist, ein Signal für die Schließung von Hochrisiko-Reaktoren und für einen langfristigen Ausstieg aus dieser Form der Energiegewinnung zu setzen, sollten dabei auch die Dimensionen im Auge behalten werden.

Atomare Strahlung macht Angst, weil man sie nicht sieht, nicht riecht und zunächst auch nicht spürt. Kommt es zu einem dramatischen Unfall wie in Tschernobyl oder jetzt in Fukushima, ist weltweite Bestürzung garantiert.

Bei anderen, hinsichtlich der Auswirkungen insgesamt viel drastischeren Ereignissen ist die Aufmerksamkeit weit geringer. Jeden Monat sterben in den USA so viele Menschen bei Verkehrsunfällen wie insgesamt beim Terroranschlag auf das World Trade Center am 9. September 2001. In Europa sind im Vorjahr knapp 4000 Menschen im Verkehr ums Leben gekommen, davon 548 in Österreich. Jährlich sterben 10.000 bis 14.000 Menschen allein in Österreich an den Folgen des Tabakkonsums. Weltweit sind es laut Weltgesundheitsorganisation fünf Millionen.

Für ein generelles Rauchverbot in Lokalen zu kämpfen, wäre aber weit unpopulärer als das Keilen von Spenden für den Kampf gegen Atomkraft. Daher wird man von Greenpeace und Co. niemals einschlägige Kampagnen erleben.

Umso wichiger sind seriöse Initiativen für ein Umdenken in der Energiepolitik. Sie dürfen sich aber nicht in spendenheischender Aktionitis erschöpfen. Wer nein zur Atomkraft sagt, muss sich zum Energiesparen bekennen, aber auch "ja" sagen zur Wasserkraft und zum Bau von Hochspannungsleitungen zum Ausgleich wetterbedingter Schwankungen in der Produktion von Wind- und Solarenergie.

Da mag die Katastrophe von Fukushima tatsächlich neue Denkanstöße liefern - aber die dürfen nicht versanden, sobald die Erinnerung an den Super-GAU in Japan verblasst oder vom Entsetzen über die weit katastrophaleren Folgen des Erdbebens und des Tsunamis überlagert werden.

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