"KURIER"-Kommentar von Martina Salomon: "Weniger Hysterie, auch wenn das schwerfällt"

In Europa, speziell in Österreich, wird extrem unsachlich debattiert.

Wien (OTS) - Gott sei Dank stehen in Österreich keine Wahlen
bevor, sonst würden sich unsere Politiker schon mit "Atomkraft, nein danke"-Transparenten fotografieren lassen und gleichzeitig versprechen, Strom zu verbilligen. Emotionen beherrschen die Politik und auch große Teile der Berichterstattung. Auch wenn es angesichts der dramatischen Situation in Japan schwerfällt: Es ist Zeit für mehr Sachlichkeit - speziell in der österreichischen Debatte, in der ständig unreflektiert Wörter wie "Schrottreaktor" fallen. Nüchterne Fragen wären etwa: Welche Atomreaktoren in Europa würden einem schweren Erdbeben oder einem Flugzeugabsturz standhalten, welche nicht? Wird genügend in die Entwicklung von Alternativen investiert? Wollen wir noch mehr (hässliche) Windparks in Österreich? Bauen wir jetzt Hainburg, ohne dass sich die Grünen dort anketten? Sind wir - mit allen Konsequenzen - bereit, deutlich weniger Strom, Öl, Gas zu verbrauchen?
Und: Übertreiben wir hierzulande nicht die Gefahren von Atomkraft und Gentechnik, während wir jene anderer Technologien untertreiben? 2010 gab es 548 Verkehrstote. Autofahren ist deutlich gefährlicher als Fliegen - und dennoch gibt es mehr Flug- als Autoangst. Rauchen ist ein Volkskiller und übrigens mit Strahlenbelastung der Bronchien verbunden. Trotzdem gab es heftigen Widerstand gegen die Reform des Tabakgesetzes.
Außer Kontrolle geratene Atomreaktoren in einem von Erdbeben und Tsunami verwüsteten Gebiet sind der schlimmste Albtraum. Unser Mitgefühl gilt den Opfern. Aber es ist absurd, wenn die Österreicher, Zehntausende Kilometer entfernt, Jodtabletten hamstern. Hoffen wir, dass die technikgläubigen, unglaublich disziplinierten Japaner das Allerschlimmste verhindern können. Aber tun wir nicht so, als könnten auch wir stündlich von einer ähnlichen Katastrophe betroffen sein.

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