TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. März 2011 von Michael Sprenger "Das Machbare als Kunst des Verdrängens"

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Katastrophe in Japan und dem Börsencrash? Ja, leider!

Innsbruck (OTS) - Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen." Dieses Zitat von Max Frisch sollte uns nicht nur helfen, zwischen Naturkatastrophen und technischen Katastrophen zu unterscheiden. Selbst dann, wenn, wie in Japan, eine Naturkatastrophe eine technische ausgelöst hat. Dieses Zitat könnte, ja es müsste unsere Risikogesellschaft (Ulrich Beck) zu einem radikalen Umdenken bewegen. Doch die jüngere Vergangenheit lehrt uns, dass unsere Risikogesellschaft im Umgang mit Krisen nicht in der Lage oder nicht dazu bereit ist, ihre Verhaltensmuster zu ändern.
Erinnern wir uns zurück. Damals, vor 25 Jahren, lösten die dramatischen Ereignisse von Tschernobyl einen Schock aus. Für einige Zeit wurden die Kassandras gehört. Doch das große Umdenken über die Nutzung der Kernkraft setzte nicht ein. Im Gegenteil. Es wurden weitere, angeblich sichere Atomkraftwerke gebaut.
Dasselbe Muster konnten wir nach den weltweit stürzenden Börsenkursen beobachten. Nach dem ersten Schock, nach dem Infragestellen unseres Wirtschaftssystems machte sich rasch wieder der Alltag der Gewinnmaximierung breit. Zugegeben: Die japanische Katastrophe wird im Bewusstsein länger anhalten als der große Crash, weil havarierte Kernkraftwerke unmittelbarer bedrohen als fallende Börsenkurse. Doch wird die Risikogesellschaft in der Lage sein, ihr Muster zu ändern? Seit der Moderne wird unsere Gesellschaft vom Prinzip des Machbaren und Beherrschbaren bestimmt. Kommt es doch zur Katastrophe, dann ist hinterher von einem Fehler im System die Rede. Also wird im Sinne der Machbarkeit und Beherrschbarkeit der Fehler korrigiert, um die Risken wieder kalkulierbar zu machen. Das Verdrängen des Vergangenen gehört zum Machbarkeitswahn der Risikogesellschaft. Bis zur nächsten Katastrophe.

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