Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Risikogesellschaft"

Ausgabe vom 15. März 2011

Wien (OTS) - Westliche Kernreaktoren sind sicher. Dieser Satz ist durch die Vorkommnisse in Japan als Mythos bloßgestellt worden. Politiker und Kraftwerksbetreiber erklärten noch nach jedem Unfall, dass dieser nicht zu verallgemeinern sei - ein Selbstbetrug. Die chinesische KP und der Iran halten an diesem Selbstbetrug fest, deren nukleares Programm wird nicht gestoppt.

Deutschlands Regierungskoalition ist einen Erkenntnisschritt weiter, denn ihr drohen nun empfindliche Schlappen in den anstehenden Regionalwahlen. Merkel und Westerwelle hatten im Oktober 2010 die Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke verlängert, am Dienstag folgte die Kehrtwende. Es wird ihr wenig helfen, zu frisch sind die freundlichen Bilder der Regierungsspitze mit den Chefs der großen Energiekonzerne nach dem atomaren Verlängerungsprogramm. Aus Frankreich ist weniger dazu zu hören, dort ist die Abhängigkeit vom Atomstrom dreimal so hoch wie in Deutschland.

Die Welt steht nach Japan vor einem unauflöslichen Widerspruch:
Weitermachen wie bisher bedeutet, weiterhin auf Atomkraft zu setzen. Die Unbeherrschbarkeit der Technologie, die sogar einen amerikanischen Flugzeugträger zum Abdrehen bewegen konnte, zeigt sich bei den Menschen in Form einer Ur-Angst. Nach Fukushima wird wohl endgültig niemand mehr neben einem Atomkraftwerk leben wollen - nur noch müssen.

Für Japan bedeutet eine Kernschmelze, dass im betroffenen Gebiet Aufräumarbeiten kaum mehr möglich sein werden. Ein weiterer Schlag gegen die japanische Seele, deren High-Tech-Philosophie einfach weggeschwemmt wurde.

Analysten mögen noch schwadronieren, dass die japanische Katastrophe nur einen limitierten Eindruck auf die Weltwirtschaft machen wird. Die Tausenden Toten und das millionenfache Unglück spielen in deren Berechnung ohnehin keine Rolle.

Tatsache bleibt, dass in der Natur ein starkes Erdbeben stattgefunden hat, das die menschliche Technik mühelos überforderte. Die Menschheit muss sich fragen, wie sie künftig ihre Energie gewinnen will, die Triebfeder für das Wirtschaftssystem ist. Die Antwort darauf wird vieles verändern - zum Guten oder zum noch Schlechteren.

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