"Die Presse" Leitartikel: Das Beben erschüttert auch naive Wissenschaftsgläubigkeit, von Thomas Kramar

Ausgabe vom 14.03.2011

Wien (OTS) - Niemand kann berechnen, wann die Erde bebt. Und
niemand weiß genau, was in einem überhitzten Atomreaktor passiert. Wir haben nicht "alles unter Kontrolle".

Wird die Erde in Japan nochmals beben? Wann? Und wie stark? Wird noch ein Reaktor explodieren? Wie geht es mit der Kernschmelze weiter? Wie viel radioaktives Material wird wohin gelangen? Ja, kann uns denn "die Wissenschaft" das alles nicht sagen?

Nicht nur, aber auch in seriösen Redaktionen grassiert die fromme Vision, dass irgendwo an einer Universität - im Idealfall in Wien und rund um die Uhr erreichbar - ein Experte sitzt, der auf Anruf imposante Formeln aus seiner Lade holt und uns mit deren Hilfe all die bangen Fragen beantwortet, mit ruhiger, sonorer Stimme. Der im günstigen Fall ein "Fürchtet euch nicht" hinzufügt.

Wir können uns die Desillusionierung nicht ersparen: Es gibt ihn nicht, diesen Experten. Niemand kann Erdbeben auch nur ungefähr voraussagen. Das zeigt die simple Tatsache, dass noch keines je vorausgesagt wurde. So wie kein Ökonom die Finanzkrise 2007 vorausgesagt hat und kein Politologe die arabischen Revolutionen 2011, so hat kein Geologe berechnen können, dass im März 2011 in Japan die Erde beben wird. Es fehlen Daten und Formeln. Selbst wenn die Geologen die Struktur und Chemie der unterirdischen Regionen genau kennen würden - was bei Weitem nicht der Fall ist -, gäbe es keine zuverlässigen Modelle, aus denen sie schließen könnten, wann und wie die tektonischen Platten rutschen. Für das komplizierte fest-flüssige System "Erde" gibt es kein Pendant zum idealen Gasgesetz.

Erinnert sich noch jemand an den unseligen isländischen Vulkan Eyjafjallajökull? Nach dessen Ausbruch ließen sich manche Vulkanologen durch beharrliche Fragen zu der Prophezeiung hinreißen, es sei wahrscheinlich, dass nun bald ein Nachbarvulkan ausbrechen werde. Er ist nicht ausgebrochen.

Genauso schwindelt jeder, der uns weismachen will, dass Physik und Chemie zuverlässig berechnen könnten, was in einem Atomreaktor passiert, wenn die Brennelemente geschmolzen sind. Wie sehr man da im Dunkeln tappt, verrät ja schon die Rede vom Super-GAU: Der ist per definitionem ärger als der GAU, der "größte anzunehmende Unfall", also hat ihn keiner angenommen, und die Sicherheitssysteme, die eben auf den GAU zugeschnitten sind, reichen nicht aus.

Auf Erdbeben der Stärke 7,75 seien die japanischen Reaktoren ausgelegt, hieß es; manche sagten, sie würden auch Beben bis 8,25 standhalten. Das mag sein, überprüfen kann es keiner. Doch das Beben am Freitag hatte eine Stärke von 8,8 bis 9,0. Offenbar hielten es die Konstrukteure der Kernkraftwerke für vertretbar, nicht mit so gewaltigen Beben zu rechnen, sie unter "Restrisiko" zu führen. Die pazifische Platte hat sich nicht darum gekümmert.

Was kann man daraus lernen? Kann man etwas daraus lernen? Abgesehen von einem gesunden Misstrauen gegenüber Experten, die einem nonchalant versichern, es werde schon nichts passieren? Zumindest kann man klar sagen: Es ist, es war unverantwortlich, Atomkraftwerke in Erdbebenzonen zu stellen. Und man wird, solange man noch Atomkraftwerke betreibt, ihre Gefahren ernster nehmen müssen. Übrigens auch das à la longue ungelöste Problem der Endlagerung radioaktiven Abfalls.

Freunde der Atomkraft werden einwenden, dass auch andere Formen der Energiegewinnung mit Risken behaftet sind. Stimmt. Aber die chemischen Vorgänge in einem kalorischen Kraftwerk - auch in extremen Situationen - verstehen wir bei Weitem besser als die Reaktionen, die sich in überhitztem radioaktiven Material abspielen. Die oft belächelte, zur "Panik" heruntergespielte Angst vor dem Unbekannten, vor der unseren Sinnesorganen nicht zugänglichen Radioaktivität, sie hat ihre Berechtigung.

Wir verdanken der Wissenschaft viel. Wir dürfen sie bewundern. Aber wir sollten uns öfter daran erinnern, dass sie aus der Skepsis gewachsen ist - gegen Autoritäten, die behaupten, "alles unter Kontrolle" zu haben. "Mit welch geringem Grad von Sicherheit stattet sie ihre Erkenntnisse aus!", rief Sigmund Freud - in einem Loblied auf das Weltbild der Wissenschaft, die notwendigerweise gegen Illusionen gerichtet ist. Auch gegen die allzu unkritischer Kernkraftbefürworter. Zumindest das lehrt uns die japanische Katastrophe.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001