"Die Presse" - Leitartikel: Der coole Mensch und die Domestizierung der Natur, von Michael Prüller

Ausgabe vom 12.03.2011

Wien (OTS) - Die Qualität des Menschen wird daran deutlich, mit welchem Einsatz er Katastrophen vorbeugt, und wie er sich im Ernstfall verhält - menschlich nämlich.

Der Mensch ist ein beeindruckendes Wesen. Auch wenn das Beben von gestern hunderte, vielleicht tausende Leben gekostet hat, zeigt es den Triumph des Menschen über seine äußeren Verhältnisse. Dass eines der bevölkerungsreichsten und am dichtesten besiedelten Länder der Welt das schwerste Erdbeben seiner Geschichte so gut überstehen kann, ist ein Beweis für die großartigen Eigenschaften des Menschen. Die Tragik der Todesopfer und der zerstörten Existenzen ist eine Seite dieser Katastrophe. Die vielen, die dank der Errungenschaften der modernen Zivilisation überlebt haben - und die Hilfe, die sie erfahren -, die andere.
Die Historiker, die sich auf Desaster und ihre Bewältigung spezialisiert haben, haben festgestellt, dass die solidarische Antwort auf Katastrophen häufiger ist als die egoistische. Der Mensch ist offenbar darauf programmiert zu kooperieren, oft auf beeindruckende Weise. Nachdem etwa im Sommer 1943 Hamburg durch Bomben zu 50 Prozent zerstört wurde, 40.000 Menschen starben und die Hälfte der Überlebenden aus der Stadt geflohen war, dauerte es dennoch nur wenige Monate, bis die amerikanische Luftaufklärung erstaunt feststellte, dass die Produktivität der Stadt schon wieder zu 80 Prozent hergestellt war. Die Strom- und Gasversorgung sowie der Eisenbahnverkehr hatten bereits ein paar Tage nach der Katastrophe schon wieder weitgehend funktioniert.
Oft sind es nicht die Erfolge der Behörden und der planmäßigen Vorgangsweisen, die beeindrucken, sondern jene der spontan handelnden Betroffenen selbst. So kam etwa bei den Erdbeben in China 1976, San Francisco 1989 und Kobe 1995 der weitaus größte Teil der Helfer, die nach Vermissten suchten und Überlebende bargen, aus der ebenfalls betroffenen Nachbarschaft.
Das "Desaster Research Center" der Universität Delaware beschreibt den typischen Verlauf nach einer Katastrophe so: Die Zahl der freiwilligen Helfer explodiert, Gewalt ist selten, Plünderungen gibt es nur unter besonderen Umständen, und die allermeisten Menschen verdanken ihre Rettung dem beherzten Einsatz anderer Überlebender. Berühmt wurde etwa die Aktion von Anrainern, um die Autofahrer des kollabierten "Cypress"-Highway in San Francisco mit rasch zusammengebastelten Leitern und Seilen zu retten.
Die positive Antwort auf die Herausforderung überwiegt also bei Weitem. In den USA gab es nur viermal innerhalb eines halben Jahrhunderts so etwas wie Plünderungen am helllichten Tag, darunter beim Stromausfall in New York 1977 (zwölf Jahre zuvor beim ersten solchen Ereignis blieb alles ruhig) und beim Hurrikan "Katrina" in New Orleans. Aber selbst dort war die Hilfsbereitschaft wesentlich ausgeprägter; der berühmt gewordene Sechsjährige, der fünf Kleinkinder und ein Baby aus der Gefahrenzone geführt hat, war nur ein außergewöhnliches Beispiel für den gewöhnlichen Bürgersinn.

Auch Japans Leben mit der ständig drohenden Erdbebengefahr ist ein Zeichen für die Genialität des Menschen, der es versteht, sich mit Forscherdrang und Voraussicht die Natur, soweit es geht, untertan zu machen, durch geeignete Architektur, Notfallpläne, Frühwarnsysteme usw. Natürlich gibt es Grenzen. Der Umstand, dass die größte Gefahr nach dem Beben von einem wild werdenden Atomkraftwerk ausgeht, erinnert daran, dass wir zwar die Natur schon ziemlich gut im Griff haben, aber die Technik noch nicht.
Die erfolgreiche Domestizierung von Naturkatastrophen gehört dennoch zu den Widerlegungen der misanthropischen Ansichten vom Menschen, der in seinem Beherrschungsdrang nur Schaden anrichte und alles ruiniere. Von Friedrich II. von Preußen ist der Satz überliefert: "Je mehr ich von den Menschen sehe, umso lieber habe ich meinen Hund." Das sieht dem alten Miesepeter ähnlich. Dass der Mensch - anders als der Hund -bewusst das Böse, Schädliche, Egoistische wählen kann, macht ihn doch umso mehr zur ziemlich coolen Gestalt (Sie verzeihen den altmodischen Ausdruck), wenn man sieht, dass er sich dennoch in der Regel und in der Ausnahme überwiegend für das Gute, Nützliche und den anderen Dienliche entscheidet.

Rückfragen & Kontakt:

chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001