"Kleine Zeitung" Kommentar: "Jahrhundert der Frauen lässt noch auf sich warten" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 8.3.2011

Graz (OTS) - Manchen hängt er zum Hals heraus, der heutige Frauentag. Oder der Hinweis darauf, dass das Jahrhundert der Frauen auf sich warten lässt. Weil ohnehin, wie ein Kabarettist einmal ätzte, Männer bereits durch die Frauenbewegung "komplett weichgespült sind". Und weil - wie Männerforscher klagen - die gesellschaftliche Position des Mannes sich in den letzten Jahrzehnten völlig verändert hat. Es wäre also weit eher ein Männertag gefragt, der sich mit den Folgen der Implosion des alten Männerbildes beschäftigen müsste?

Die Frage lässt sich schnell beantworten. Zahlen genügen, um zu klären, dass wir in einem System mit Machtstrukturen leben, das Männer privilegiert und die Frau als Frau benachteiligt. Natürlich lässt sich jede Benachteiligung auch auf einfache Formeln reduzieren. "Viele Frauen studieren gerne Germanistik, Männer dagegen Elektrotechnik - das hat eben Konsequenzen beim Gehalt", hat die deutsche Familienministerin Kristina Schröder das Thema Einkommensunterschied einmal schnell abgehakt. Eine Frau, die es besser wissen müsste und wohl weiß, dass der Skandal in den Gehaltsunterschieden bei gleicher Qualifikation von Mann und Frau liegt.

Österreich gehört bei den Einkommensunterschieden im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern. Und dies nicht nur, weil die Teilzeitquote bei Frauen 41 Prozent beträgt. Warum so viele Frauen Teilzeit arbeiten? Aus familiärer Notwendigkeit und weil ihnen der Mut fehlt, Männer in die Pflicht zu nehmen? Weil es auch Jahrzehnte nach Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf zu viele angepasste Annikas und zu wenige revoltierende, mutige Pippi Langstrumpfs gibt, wie die Autorin Bascha Mika behauptet? Womit sich am Frauentag zwangsläufig die Frage stellt, in welcher Weise Frauen selbst durch geschlechtsstereotype Einstellungen in der Erziehung die Weichen für Mädchentypen stellen, die sich lieber anpassen, Risikosituationen meiden und es damit später im Beruf schon aufgrund ihres Verhaltens bei der Durchsetzung ihrer Ziele oft schwerer als Männer haben.

Ob eine Frauenquote die Berufswelt verändern und gläserne Decken zum Einsturz bringen wird? Sie wird es schon deshalb, weil sie in den Köpfen von Personalchefs Bewusstsein verändern wird. Und Politiker werden sie umsetzen, weil sie sich gut verkaufen lässt und einen Vorteil hat: Sie belastet kein Budget.

Was aber keine Quote, sondern nur Eltern und Pädagogen bewirken können: dass Mädchen nicht nur zu Annikas erzogen werden.****

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